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Jüdische Volkszeitung · 1873-02-05 · 6 (5.2.1873) · p. Seite 42

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
6 (5.2.1873)
Date
1873-02-05
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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42 Pilze aus der Erde in allen größeren Gemeinden, gewinnen an Ausdehnung und Bedeutung — in Newyork bestehen allein fast 30 Synagogen, worunter mehrere wahre Prachttempel, die zu den schönsten Gotteshäusern Amerika's zählen — und, was das Beste ist, diese Synagogen werden stark besucht. Neben den meisten dieser Synagogen steht eine eben so stark besuchte Religionsschule, in welcher alle Kinder, die dein Synagogenverbande angehören, Religionsunterricht erhalten. Wir hatten Gelegenheit, den Plan einer solchen Schule — von Einhorn, als er noch in Philadelphia war — zu sehen; wir würden das deutsche Judenthum glücklich preisen, wenn hier aller Orten solche wohlorganisirte Religionsschulen beständen und von allen jüdischen Kindern besucht würden. Amerika hat eine große Zahl reichdotirter jüdischer Wohlthätigkeitsanstalten, Waisenhäuser, Versorgungshäuser und Andere mehr und immer noch werden neue gegründet und reichlich unterstützt. Und was das Größte ist, — es hat seinen über ganz Amerika verbreiteten Orden Bnei Berith, eine Liebesanstalt, eine Verbrüderung der Juden im großartigsten Style, aus welcher reichster Segen und jenes Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Interesses für das Judenthum quillt, das insbesondere auch die jüdische Journalistik daselbst*) so sehr fördert, während hier überalt der Jndifferentismus dominirt. Was soll unser vornehmes Bespötteln einzelner ״Wildheiten", wie sie in der Jugend der Institutionen jenes Landes begründet sind, gegenüber diesen Thatsachen? Alles, was wir oben als Schöpfungen der amerikanischen, vielleicht 200,000 Seelen zählenden Judenheit schilderten, geschieht, wie allbekannt, aus freiem Willen, aus der eigensten Initiative der amerikanischen Israeliten selbst. — Der Staat kümmert sich nicht im Geringsten um die religiösen Anstalten, und wer nicht cintreten, nicht beisteuern will, unterläßt es einfach. Könnte es in Deutschland auch sich so gestalten? Vorläufig gibt dies Gesetz hierzu noch nicht die Möglichkeit. Wenn der vorliegende Entwurf zum Gesetze erhoben wird, so kann wohl ein einzelner Jude überhaupt ausscheiden; aber er muß dann ganz austreten aus dem Judenthum. So lange er Jude ist und Jude bleiben will, ist er zu Steuern an die Gemeinde verpflichtet, in welcher er seinen Wohnsitz hat. Es können sich also weder orthodoxe noch reformistische Separatgemeinden bilden. Die Integrität der Ge- *) In New-Uork bestehen fünf jüdische Blätter und Jewisch Times mit ihrer deutschen Ausgabe und Jsraelite mit Deborah (in Cincinnati) sind allein umfangreicher, als die ganze deutsch-jüdische Journalistik zusammengenommen. meinde und ihrer Institutionen bleibt mithin auch für die Folge gewahrt. Das ist, glauben wir, das Höchste und Weitgehendste, was wir in der Gegenwart verlangen dürfen. Es mag im Interesse der Corporationen und vielleicht auch einzelner von der Gesammtgemeinde angestellten Beamten — Lehrer und Rabbiner — liegen, daß der Status quo möglichst erhalten werde. Aber — wir dürfen und können uns nicht verhehlen, daß das Princip der Freiheit nach den Anschauungen der Gegenwart über das, was dies Austrittsgesetz sagt, noch hinausgeht und wir müssen uns bereit halten, wenn nach dieser Richtung hin bei einer weiteren Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche noch schärfere Einschnitte in unser jüdisches Gemeindeleben gemacht werden. Indessen sollte das Judenthum durch solche, auf dem Wege der menschheitlichen, oder sagen wir hier besser freiheitlichen Entwicklung liegende Thatsachen in Wahrheit und auf die Dauer geschädigt werden können? Ja, sagen die ängstlichen Gemüther Deutschlands; was für Amerika gut ist, ists nicht in gleicher Weise für uns. Die großen Gemeinden mögen wohl wenig verlieren, aber die kleineren und mittleren Gemeinden werden zu Grunde gehen, wenn ein Jeder nach Belieben aus- und eintreten kann. Es werden Fälle Vorkommen, wo durch die Renitenz eines Einzelnen die ganze Gemeinde schwer geschädigt wird. Wir theilen diese Furcht nicht. Wir sehnen nicht gerade den Moment herbei, wo die vollkommenste Freiheit herrscht, aber wir fürchten ihn auch nicht und halten uns bereit. כי לא אלמן ישראל Israel ist nimmermehr verwaist. Es hat den ungeheuerlichsten Zwang überdauert, — es wird umsomehr auch - in der Freiheit bestehen. Mag es in einzelnen Fällen schwer hergehen, mag mancher kleinen Gemeinde der Todesstoß versetzt werden; — ist denn eine jüdische Religionsgemeinde, die sich auf einige erzwungene Mitglieder stützt, überhaupt lebensfähig? — Im Allgemeinen wird die Judenheit an Strebkraft, an selbstthätiger Entwicklung und — wir hoffen es mit Zuversicht —an Eifer und Begeisterung gewinnen. Die faulen und siechen Glieder werden abgestoßen und frische und fröhliche Hingebung in freier Vereinigung wird all das Verkehrte, was der Zwang hervorgerufen, und mitunter auch viel Fanatismus und Rechthaberei aus den Gemeinden Hinwegräumen. Die Freiheit wird uns Licht bringen. Was müssen wir aber jetzt schon thun, um allen Eventualitäten mit mehr Ruhe entgegensetzen zu können? Wir müssen von der Freiheit schon jetzt einen richtigen Gebrauch machen, indem wir über die Gemeinde hinweg freie Vereinigungen schließen, oder vielmehr den bestehenden unsere Mitwirkung gönnen und diese, für größere Gesammt-

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