Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1873-01-29 · 5 (29.1.1873) · p. Seite 38

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
5 (29.1.1873)
Date
1873-01-29
Page
Seite 38 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9588641-9578452-9578489--044-9578495
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

und sie sind daher die Parias der jüdischen Bevölkerung, die zusammengeschichtet in elenden ungesunden Hütten wohnen. Ein weiteres Uebel ist folgendes: In allen civilisirten Ländern wird Almosen nehmen, von Almosen leben als ein Unglück, eine Herabwürdigung angesehen und man giebt und empfängt es meist im Verborgenen; nicht so in Palästina: Hier werden die Almosen als eine Ehre, als eine Belohnung des Verdienstes angesehen dafür, daß man im heiligen Lande lebt und Tag und Nacht Talmud oder Kabbala studirt. Die Sefardim nennen das Almosen: ״die Herrlichkeit, den Glanz Jsrael's." Die meisten Juden, so gering auch ihre Kenntniß selbst des Rabbnischen ist, legen sich den Titel Chacham bei und empfangen ihren Antheil an der Chaluka als erworbenes Recht, denn die Handwerker, die keine Kenntniß im Talmud haben, bekommen nichts; wenn ihre Wittwen und Waisen einen geringen Antheil daran haben, so ist dich nur eine Vergünstigung, eine Großmuth von Seiten des Vertheilers. Jerusalem, erzählt ein Reisender dem Levant Herald, bleibt was es war — eine tobte Stadt, die nur zur Osterzeit auf wenige Augenblicke ein künstliches Leben erhält. Die Straßen sind heute noch so schmutzig, so schlecht gepflastert wie vor 12 Jahren, der Wassermangel gleich fühlbar. Wohl ist die türkische Stadtverwaltung human, wohlmeinend; aber die kleine Welt von Klöstern, von denen jedes seine eignen Freiheiten und Privilegien hat, machen jede Verbesserung in der heiligen Stadt fast zur Unmöglichkeit. So wiedersetzte sich neulich der Patriarch eines Maroniten-Klosters einer von der Regierung concessionirten Wasserleitung aus den frivolsten Gründen und konnte durch nichts veranlaßt werden, die Legung der Röhren durch ein dem Kloster gehöriges Grundstück zu gestatten. — Zu allen diesen Umständen gesellt sich noch der Mangel an Capital, welches die natürlichen Hilfsquellen des Landes und die Arbeitskräfte der Bewohner ftuchtbar machen könnte. Denn eigenthümlich! Während in Spanien, Griechenland, Mexico und andren in ähnlichen Zuständen befindlichen Ländern europäisches Capital zu Speculationen in bedeutenden Summen angelegt wurde, — nach Palästina hat dasselbe bis jetzt seinen Weg nicht gefunden. So wächst die Jugend aus Mangel an Arbeit zum Müßiggänge, zur Faulheit heran. Gewiß würden Viele gerne arbeiten, wenn sich eine lohnende Thätigkeit, die ein Aufkommen im Leben verspricht, darböte. Darum find alle Unternehmungen, welche darauf zielen, statt der jetzigen in Dürftigkeit, Müßiggang und in der Gewöhnheit des Bettelns und Almosennehmms herangewachsenen Generation eine Jugend zu erziehen, die an Arbeit gewöhnt ist, unserer höchsten Sympathie würdig. Die Mühle, welche Sir Moses Montefiore bei Jerusalem etablirte, hat, allerdings nur für Einzelne, mehr Gutes gewirkt, als all' das so reichliche Almosen des jüdischen Menschenfreundes. In größerem Mchstabe kann, für die Zukunft, Karl Netter s oder eigentlich der israelitischen Allianz Ackerbaufchule zu Jaffa ein Segen für das hei-- lige Land werden, und erachten vdir es eines jeden wohl-- meinenden Israeliten Pflicht, zu. deren Erhaltung und Emporkommen mitzuwirken. FeuiEketon. ^oeliteis dt«? ^0wmmicnr{rilt£$. Novelle aus der Gegenwart von I. (Fortsetzung.) Das war eine schmerzlich trübe Stimmung in dem einst so heitern Hause des Commerzienraths. Es gibt Menschen, die Jahrelang ohne Gemüth und Gewissen durchs Leben zu gehen scheinen; die immer und in Allem nur ihre selbstsüchtigen Zwecke verfolgen, — bis zu einer unerwarteten Grenze, bis ein bisher Unbekanntes in ihr Leben fällt. Auch jetzt gewinnt nicht das Leben und nicht ihre eigene sittliche Kraft durch die Erschütterung der Seele. Sie fallen in's Gegentheil; im dumpfen Hinbrüten, in selbst^ quälerischem Nichtsthun, in form- und zweckloser Ascetik und äußerlicher Frömmelei suchen sie das, was ihr Gewissen beschwert, hinwegzuräumen, — von sich zu schieben — und werden dadurch nur noch mehr die Qual ihrer Umgebung. Die Frau Commerzienräthin hatte noch am selben Tage, wo ihr Gatte so Hartes ihr gesagt, ihre Zuflucht zu ׳ihrem treuen Gewissensrathe, dem strengftommen Rabbi genommen. Sie hatte eine lange Conferenz mit ihm gehabt. Das war ein eigenthümlicher Mensch, dieser vr. Bendemann. Schwarz bis in die Seele hinein, nur das kurze, krause Barthaar war röthlich und die lockere Halsbinde weiß — wie sich's gebührt für fromme Rabbis. In früheren Zeiten war Herr Dr. Bendemann sehr elegant gewesen, trotz seiner ascetischen Außenseite.. War er doch eine große, stattliche Figur! — Jenes widerliche Lächeln, das jetzt die kleinen Augen mit den dicken Wulsten so abstoßend machte, soll in jungen Jahren öfters nicht absichtslos die Züge verklärt haben, wenn sich die heuchlerisch — verdrehten Augen der geschloffenen Emporbühne in der Synagoge, wo die Frauen ihren Sitz nehmen, zuwendeten. Jetzt — nun jetzt hörte man oft von Vermächtnissen frommer, alter Frauen zum Besten des ״heiligen Stuhles des frommen Rabbi." Und als der ftomme Rabbi hinwegging von der Frau Commerzienrath, entstand eine furchtbare Revolution — in Küche und Keller. Der Bücherbote brachte in den nächsten Tagen viele guthebräische Erbauungsbücher. In den Collekten zum Besten der ״Armen Palästina's" und ähnlicher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.