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Jüdische Volkszeitung · 1873-01-29 · 5 (29.1.1873) · p. Seite 37

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
5 (29.1.1873)
Date
1873-01-29
Page
Seite 37 (sequence 5)
Language
German
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Consuln ständig vertrete, u. A. in der Hauptstadt auch eine, Schule eröffne; 10,000 Frcs. jährlich würden für alles indieser Hinsicht Nöthige völlig genügen .... Unsere armen Brüder in Iran, fährt der Berichterstatter fort, schmachten in tiefem Drucke, sind stets eine Zielscheibe des schändlichsten Druckes, dürfen auf dem Bazar (Markt) kein offenes Geschäft führen, ein Handwerk nur im Innersten ihrer Häuser üben; I daher ständen sie so nieder auf der socialen Leiter und seien moralisch so tief gefallen, daß sie sogar aus gegenseitiger Angeberei einen kleinen Vortheil für sich zu ziehen nicht verschmähen. — Hr. Lurion beruft sich auf das Beispiel der Gebern oder Feueranbeter, die sich mit dem Juden in gleicher Lage befanden und sich bedeutend gehoben hätten, seitdem aus Bombay ein Vertreter ihrer Sache, Manuk tschu Sahab, sich am Hofe zu Teheran befände. — In jedem Falle ist es eine heilige Pflicht der europäischen Juden sich ihrer armen, in der Civilisation zurückgebliebenen Brüder im Orient thatkräftig anzunehmen .... nur nicht durch Almosengeben. 19. (Die Hochzeit ohne Bräutigam.) Wir entlehnen dem Arch. isr. folgende Mittheilung aus Lemberg: ״Unsere ganze Bevölkerung, so schreibt ein Hr. Oswald Weiß, bewegt sich in einem Medium, das nichts weniger als die Civilisation ist und so darf man sich auch nicht wundern, wenn der galt- Zische Jude, trotz angeborner Fähigkeit, weit hinter seinen westlichen Glaubensgenossen zurückgeblieben ist. Folgender Zug wird ihren Sittenzustand beleuchten: Zu Knihjez sollte die Heirath eines auswärtigen Juden mit der Tochter eines Handelsmannes gefeiert■ werden. Freunde und Bekannte der Braut waren herbeigeströmt, der Rabbiner wartete, die Musik spielte ihre lustigsten Weisen, da bemerkte man plötzlich, daß nur noch eine Person fehle — der Bräutigam. Man wartet eine, zwei, drei Stunden; der Bräutigam kommt nicht; man hätte vielleicht noch länger gewartet, wenn nicht aus der Menge ein Ruf erschollen wäre: ״er wird nicht kommen". Die Eingeladenen beriethen sich zusammen und der Rabbi, um die der Braut angethane Schmach zu sühnen, that den Ausspruch: ״Nehmt den ersten besten unverheiratheten Juden von der Straße und verbindet ihn mit ihr." Gesagt gethan! Vom Markte weg wird ein nichts ahnender junger Mensch herbeigeschleppt und aus den Beiden ein Ehepaar gemacht. Am Ende der Ceremonie wurde eine Sammlung veranstaltet, und das Ergebniß dem jungen Ehemanne überreicht. Folge.rden Tags kam der wirkliche Bräutigam: die in jetziger Jahreszeit fast unwegsamen Straßen hatten seine Ankunft verzögert. Man stelle sich das Erstaunen des armen Jungen vor, seine Braut als die Frau eines Andern wiederzusehen! 20. (Die Juden in Palästina.) Es leben im heiligen Land jetzt 16000 Juden. Jerusalem zählt 7400, Saphet 4000, Tiberias 2000 und Hebron 900. Die große Mehr- U — zahl in diesen vier Hauptgemeinden ist ohne Arbeit, ohne Erwerb und lebt einzig und allein von den Almosen, die ihnen von ihren Glaubensgenossen aus allen Weltgegenden zugesandt werden. Diese Almosen, Chaluka genannt, haben in den letzten 10 Jahren bedeutend zugenommen, aber im gleichen Verhältnisse ist auch die Armuth gestiegen. Nur in Jerusalem sind ein Paar Capitalisten und einige Handwerker: ihre Zahl ist aber verschwindend klein gegen die nur von Almosen Lebenden, von denen die Juden in den drei andern Gemeinden sich ausschließlich ernähren. Die kleinern Gemeinden, die sich erst spät gebildet haben: Acre und Jaffa mit je 130, Haifa mit 100, Sichem (Nablus) mit 50 und Schifa-Amar mit 40 Juden, haben keinen Antheil an der Chaluka und befinden sich gleichwohl in einem weit besseren Zustande, (weil man da arbeitet, arbeiten muß), und die Juden sind da weit mehr geachtet: in Acre ist der englische und in Haifa der deutsche Consul ein Jude. In den vier Hauptgemeinden könnte das nicht der Fall sein, so sehr sind ihre jüdischen Bewohner verachtet, von Muhamedanern und Christen. Zur Osterzeit, wo Pilger und Touristen aus aller Welt herbeiströmen, findet in Jerusalem ein ziemlich bedeutender Handel statt, die Juden haben fast gar keinen Antheil daran. Die Wenigen unter ihnen, die auf Karl Netter's Aufruf, von der äußersten Noth gedrängt, sich zur Arbeit in der Ackerbauschule zu Jaffa einsanden, mußten wieder entlassen werden: sie waren körperlich zu schwach. An dieser Körperschwäche tragen außer der Ungewohntheit zur Arbeit und außer dem Pauperismus, in dem sie vegetiren, ihre allzufrühen Heirathen die Schuld. Knaben von 13 bis 15 Jahren verheirathen sich mit Mädchen von 12 bis 14, während der Araber seinen Sohn nie unter 18, seine Tochter nicht unter 16 Jahren verheirathet. Vergebens hat Hr. Albert Cohn Preise ausgesetzt für Mädchen, welche 4 Jahre lang die von Rothschild gegründete Töchterschule besuchen und nicht unter 16 Jahren sich verheirathen: die Schule wird sehr schwach besucht, das frühe Heirathen findet fortwährend statt. — Die Art der Chaluka-Vertheilung ist eine sehr schlechte und Hilst deshalb dem Pauperismus in keiner Weise ab. Es bestehen in Jerusalem 14 vollständig von einander getrennte Judengemeinden: 1 der Sefardim (Portugiesen und Spanier), 12 der Aschkenasim (Deutsche, Polen, Russen, Ungarn) und 1 der Maghrebim (Marocco, Tunis); jede hat ihren Präsidenten, der einen Theil der Chaluka für sich nehmen darf, dann erheben die zahlreichen Rabbinen ihren Theil; was aus Rußland und Galizien komntt, erhält die Section Kobad; die Ungarn empfangen das was aus Ungarn ankommt, der Rest wird gleichheitlich unter die ״Talmud-Lerner" vertheilt und da die Sefardim sehr zahlreich sind, so bekommt der Einzelne eine außerordentlich geringe Gabe; die Maghrebim noch weniger

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