Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 5 (29.1.1873)
- Date
- 1873-01-29
- Page
- Seite 39 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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39 Institutionen erschienen große Summen als Geschenke einer ״ungenannten hohen Dame", als ״Ersatz für Challagelder" von vielen Jahren. Das war ernste Buße und Herzensläuterung. Und Semmi? Und der Commerzienrath? — Der Erstere erfuhr durchaus kein Wort von dem Vorgefallenen und doch merkte er, daß seit einiger Zeit eine Veränderung im Hause auch in Beziehung auf ihn vorgegangen war; denn die haßglühenden Augen der Dame des Hauses waren vollständig zu leuchtenden Flammenaugen geworden, in' welchen eine Hölle ihren Wuth- und Rachesitz aufgeschlagen hatte. Sie würdigte Semmi ebenso wenig eines Wortes als früher — und doch wieder waren im Hause Vorkehrungen getroffen worden, die ihn in Aeußerlichkeiten höher stellten, als bisher, — in Tisch, in Wohnung und dergleichen. Aber weder Semmi noch der Commerzienrath achteten sehr auf das, was die Commerzienräthin dachte und that. Gerade um diese Zeit wurden große und schwierige Finanzoperationen unternommen und der Commerzienrath ließ sich in gewagte Speculationen ein, über die Semmi zuweilen bedenklich den Kopf schüttelte. Denn das Haus Rödersohn war bisher allen solchen Unternehmungen fremd geblieben und die ausgezeichnete Solidität seines Hauses und Geschäftes war der Stolz des Commerzienrathes gewesen. Dabei fragte er auch jetzt wohl nicht um Semmi's oder eines Anderen Rath, — aber er würdigte jenen in anderen Fällen seines ganzen Vertrauens und übergab ihm die schwierigsten Aufträge, die Semmi natürlich mit der größten Hingebung und ängstlichsten Sorgfalt ausführte. Und das war dem Commerzienrath genug. Aengstlich hütete er sein Geheimcabinet, in welchem, für ihn allein erkenntlich und sichtbar, die Fäden zusammenliefen, an welche das Glück seines Hauses und Lebens geknüpft war. In die tiefsten Geheimnisse seines geschäftlichen Gebahrens ließ er Niemand eindringen. Im Herzen Semmi's aber blühte trotz alledem ein nur wenigen betheiligten Personen bekanntes Glück. Nur Suse und Bertha wußten, was ihn so hob und freudig stimmte, was ihm seine schwere Aufgabe so sehr. erleichterte. Und Bertha — theilte dies Glück. So vergingen fast zwei Jahre. Im häuslichen Leben des Commerzienrathes hatte sich Vieles geändert. Aus dem Hause des Genusses und der Lebensfreuden war Alles gewichen, was an die ftüheren Zeiten erinnerte. Dumpfer Ernst, strenge Ascetik herrschte — das religiöse Familienleben hatte bei dieser Umwandlung nicht gewonnen. Es war da kein Friede und keine Liebe, keine Sabbathfreude und kein Festtaggenuß. Hält ja das Religionsleben der Juden die Freude und den vergeistigten Lebensgenuß so hoch, daß sich ohne diesen kein ftommes jüdisches Hauswesen denken läßt. Die Commerzienräthin blieb für alle Glieder des Hauses fast unsichtbar. Sie wurde mehr und mehr ein Schatten ihrer selbst. Von Zeit zu Zeit erschienen Boten mit Briefen im Comptoir. Dann berief der Cnmmerzienrath dennoch seine Frau in sein Geheimzimmer, gab ihr Kunde von dem Inhalte und sie sprach, einmal wie das anderemal: zahle!- Seit einer Woche aber war der Commerzienrath fast ständig in seinem Geheimbureau geblieben; nur von Stunde zu Stunde war er heraus ins Comptoir gekommen, um die angekommenen Coursnotizen, Zeitungen und Briefe in Empfang zu nehmen und mit zitternder Hast zu öffnen. Es war eine kritische Zeit; viele der gewagten Unternehmungen, in welche er sich eingelassen hatte, standen auf dem Spiele; Krieg stand bevor. Und auch in den oberen Räumen des Hauses herrschte jene dumpfe Unruhe, die in der Umgebung eines schwer Erkrankten zur Nothwendigkeit wird. Die Commerzienräthin war seit einigen Wochen krank, sie war lange schon sichtbar gealtert, — ihr so energischer Geist hatte den furchtbaren Schicksalsschlägen, die so unvorbereitet auf sie einstürzten, nicht widerstehen können. Es war am Freitag Morgen, die Unruhe des Commerzienraths war aufs Höchste gestiegen. In seinem Geheimzimmer wandelte er auf und ab, Briefe erwartend, zitternd. Zuweilen trat er vor sein Pult, überflog hastig die Zahlen seines Hauptbuches, aber sein Geist war nicht dabei. Da trat der Bureaudiener herein und brachte eine versiegelte Depesche. Er öffnete sie — und sank vor Schrecken bleich auf seinen Stuhl zurück. ״Das Haus Rödersohn wird fallen . . . ." Kriefllaften äer Keäaction. Hr. W. in O. Dankend empfangen. Besten Gruß. — Dr. L. Werde es bestens besorgen. — N. H. in B. Ihre Briefe über Religion haben mit dieser nichts gemein und können darum nicht aufgenommen werden. Für Gedichte haben wir keinen Raum, wenn siS nicht allgemeine Bedeutung haben und die Tendenz unseres Blattes berühren. — Dem ״treuen Fels unweit des> pommer'schen Haff": Wo Gassenbubengemeinheit mit der Zweideutigkeit einträchtig im Bunde ist, können wir natürlich nicht folgen. Mit Punkten L... können wir nicht kämpfen: das paßt nur für die Zweideutigkeit. Wir könnten höchstens gleicherweise zweideutig werden, wenn wir dem L... ein Sch ... entgegensetzten, aber das ist nicht unsere Manier. Wir kämpfen um der Sache willen, offen, scharf, correct, unzweideutig, treffen, wenn wir Charakterlosigkeit Nachweisen, wenn wir z. B. den Widerspruch zwischen den Ansichten vor zwei Jahren und heute herausheben, wohl auch die Person, in der sich die Charakterlosigkeit documentirte, aber blos um der Sache willen, nicht im Privatleben. Unsere Correspondenten, Freunde, College» und Bekannte wissen, daß wir vor solchen Stichen gesichert sind. Um unserer Correspondenten willen freuen wir uns, daß uns gesagt wird, daß diese so weit über uns hinausragen. Wenn andere Redacteure — in Gassenbubengemeinheit oder Einbildung? — über ihre Correspondenten hinauszuragen wähnen, so mögen diese sich für das Compliment bedanken. Und damit — fare well! I ׳ %!1 J fl!\ß;!!