Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 5 (29.1.1873)
- Date
- 1873-01-29
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Vreßburg, 10. Januar. Statt des ausführlichen Berichtes über unsere Culturzustände, den ich Ihnen zu senden beabsichtigte, theile ich vorläufig nur folgende charakteristische Thatsache mit. Die halbe Million Juden in Ungarn hat zwei Journale; beide erscheinen in deutscher Sprache und — hebräischer Schrift!! Das in Pesth erscheinende Blatt ist das Organ der exclusiven Orthodoxie; es nimmt von Zeit zu Zeit Veranlassung, dem Mainzer Israeliten wegen seiner verkappten Neologie auf die Finger zu klopfen. Kroäy, Anfang Januar. Der gelehrte Herausgeber des ״he—Chaluz" hat den neunten Band seines Jahrbuches vollendet, und zum Drucke vorbereitet. Derselbe wird noch in der ersten Hälfte des l. Jahres erscheinen, und ohne Zweifel nicht geringes Aufsehen machen. Pest, 16. Januar. Da Ihr Blatt der Fahne der Reform folgt, so ist es nicht sonderlich auffallend, daß Sie von hier aus mit keinerlei Mittheilungen bedacht werden. Bei uns ist die Reform verpönt. Als die Führer unserer Gemeinde die ganze ungarische Judenschaft unter den Hut des Kongresses, ihrer Lieblingsschöpsung, bringen wollten, so wiederholten sie unzählige Mal: wir wollen keine Reform! Trotzdem wollten sich die Orthodoxen absondern, um eine eigene Gemeinde zu bilden. Ein Bruchtheil derselben hat diese Intention auch thatsächlich ausgeführt, und sich zu einer autonomen orthodoxen Gemeinde konstituirt. Der größere Theil trat nicht aus dem Verbände der Gemeinde; aber die Neologen mußten dies mit sehr schweren Geldopfern erkaufen. Sie bauten für die Orthodoxen eine neue Synagoge, und diese freuten sich, so große Summen Neologen-Geldes auf orthodoxe Zwecke verwendet zu sehen. Die Synagoge ist gerade kein Meisterstück der Baukunst; sie ist aber ohne Vergleich geschmackvoller, als die Pijutim Kalir's und seiner Genossen, für welche sie erbaut wurde. Nachträglich verlangen die anspruchsvollen Orthodoxen noch vierzig Tausend Gulden zur gänzlichen Vollendung des Baues. Das macht endlich die Neologen nachdenklich. Die Gemeinde-Repräsentanz setzte eine Commission nieder, welcher es obliegt, zu prüfen, ob es wirklich nöthig sei, noch vierzig Tausend Gulden auf den Altar der Pijutim zu legen. Runä^au. 15. (Koscherfleisch in Rumänien.) Rumänien zieht einen großen Theil seiner Einkünfte aus der Fleischtaxe und wird das Recht des Schlachtens an den Meistbietenden verpachtet. Vor der Versteigerung wurden kürzlich in Jaffy die Juden gesetzlich ausgeschlossen. Da dieselben nun fast ausnahmsweise der Orthodoxie angehören und nur Koscherfleisch genießen, so heißt dies soviel als sie entweder ganz vom Fleischgenuß abzuschließen oder ihrem Gewissen Zwang anzuthun. — Wahrlich! Solch' eine Verordnung ist des Landes würdig, wo der Mensch, seiner Religion wegen, noch im XIX. Jahrhundert, nicht seines Lebens noch Eigenthums sicher ist. 16. (Das' heilige Land.) Im Augenblick befinden sich mehrere Expeditionen in Palästina, die eifrig mit dessen geographischen Erforschung beschäftigt sind. Die der ״Britischen Gesellschaft" hat so eben in dem wüsten Striche südöstlich von Hesbon die sehr gut erhaltenen Ruinen eines prachtvollen Palastes entdeckt. Eine viereckige Mauer von Quadersteinen, jederseits 510 Fuß lang, umschließt einen Palast aus Backsteinen. Der Eingang hat auf beiden Seiten eine monumentale Front 180' lang und 17' hoch, an der Figuren von Vierfüßlern, Vögeln, Blumen, Menschen sehr hübsch ausgehauen sind. Auch das Thal am todten Meer wurde durchforscht und die westliche Seite als schauerliche Wüste, die östliche als mit Wasser, kleinen Bäumen und Pflanzen wohl versehen gefunden; im Norden wachsen Palmen in großer Ueppigkeit. — Nähere Nachrichten werden folgen. 17. (Das Budget der israelitischen Gemeinde in Paris) erhebt sich auf eine Ausgabe von 650,000 Frcs., die durch die Einnahme nicht vollkommen gedeckt wird. 18. (Die Juden in Persien.) Nach dem an die Alliance israelite universelle gelangten Schreiben eines Perfers, I. Lurion, hat die jetzt völlig überstandene Hungersnoth eine verhältnißmäßigen Ueberfluß Platz gemacht. Freilich habe Erstere hier und da große Noth zurückgelassen, aber die Schwierigkeit, Unterstützungen an die rechte Stelle gelangen zu lassen und gehörig zu vertheilen, sei eine fast unüberwindliche. Eben so sei die Auswanderung der Juden eine unmögliche Maßregel; es befänden sich zwar im Kaukasus, unfern der Ufer des kaspischen Meeres (bei der Stadt Limkirane) einige Dörfer, deren russische Bewohner zum Judenthume übergetreten seien, unter dem Namen Schobotniks, und deren fruchtbarer Boden und mildes Klima denen Persiens ähnlich seien; es wäre von großem Vortheil unsere perfischen Glaubensgenossen zur Auswanderung dahin zu veranlassen und sie an Ackerbau zu gewöhnen — aber es sei völlig gewiß, daß sich die unglücklichen Brüder in Persien zu einer Auswanderung nimmermehr verstehen werden. (Wir fürchten, dasselbe läßt sich von den maroccanischen und rumänischen Juden, in ihrer großen Mehrzahl, mit gleicher Sicherheit behaupten). Bleibt nur zu untersuchen übrig, ob und wie man den unglücklichen Zustand derselben verbesfern könnte? — Der Briefschreiber und ein von ihm berufener Ausschuß sind der Ansicht, daß dies nur dadurch geschehen könne, daß man einen durchaus tüchtigen Mann an den perfischen Hof in Teheran abordne, der dort die Sache der Juden mit Geschick und Energie, im Vereine mit den europäischen