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Jüdische Volkszeitung · 1873-01-22 · 4 (22.1.1873) · p. Seite 31

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
4 (22.1.1873)
Date
1873-01-22
Page
Seite 31 (sequence 7)
Language
German
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31 Feuilleton. tlie pachtet[ 4f:i <£0mmtrzienrallte;S. ־ Novelle aus dev Gegenwart von I. (Fortsetzung.) Nach einer Weile fuhr der Commerzienrath fori.: ״Der Major Hochberg war verschwunden. Zwischen uns wurde sein Name nicht mehr erwähnt. Ich hatte wohl eine finstere Ahnung, aber ich würde der Gewißheit, selbst, wenn sie mir hätte geboten werden können, damals aus dem Wege gegangen sein; ich würde dem geflucht haben, der sie mir gebracht hätte. Jetzt — ich habe sie seit einiger Zeit, — aber bin ich kälter geworden. Anders war es mit meiner Schwester. Der Wüstling hatte es leider zu gut verstanden, das arme, leidende, in seiner Entwicklung überreizte Kind an sich zu fesseln. Im Hochsommer war sie so krank geworden, daß wir sie in ein entserntes, südliches Bad bringen mußten. Dort — traf sie wieder mit Major Hochberg zusammen. Er wußte Alles zu beschönigen; sie stand allein und hatte über nicht unbedeutende Mittel zu verfügen. Er überredete sie, mit ihm ein geheimes Ehebündniß zu schließen. Sie willigte ein, unter der Bedingung, daß sie ihrem Religionsbekenntnisse treu bleiben dürfte und nie mehr nach hier zurückgebracht würde. Was war dem Elenden daran gelegen. Er wollte es ja so. Ich sollte nichts erfahren. Sie wurde seine Gattin. — Ich eile, um über das Gräßliche, was jetzt folgte, hinweg zu kommen. Nach vier Monden verließ sie der adelige, vornehme Herr Major, fast ihre ganze Habe mit sick/'fortnehmend. Sie hat ihn nie mehr wiedergesehen. Der Freund unseres Hauses, der treue Baruch, hatte eine unbestimmte Kunde von dem Geschehenen erhalten. Er reiste zu ihr und traf sie krank, elend, und dabei nahe daran, Mutter zu werden. Baruch besitzt etwa eine Tagereise von hier ein kleines Häuschen. Dorthin nahm er meine Schwester mit sich. Er hatte sie geliebt, der Arme, und er pflegte sie in sich selbst vergessender, aufopfernder Liebe. Ich durfte von all dem nichts erfahren. Mir schrieb sie, daß sie auch ferner in dem Badeorte bleiben wolle — wo sie sich wohler fühle und bald zu genesen hoffe. Im kleinen Häuschen Baruchs wurde sie Mutter. Fast zwei Jahre lebte sie hier, — krank der Körper, den Tod im Herzen, ganz in meiner Nähe, und ich wußte es nicht. Ich war Zufrieden, wenn ich zuweilen nichtssagende Briefe von ihr bekam. Ich war in einen Strudel von Geschäften und zerstreuenden Vergnügen im Umgänge mit der sogenannten großen Welt hineingezogen worden, die mich ganz meines Ursprungs vergessen ließen. Ich dachte nicht mehr an Vater, Mutter, Schwester — an die Religion meiner Väter. Geld immer mehr Geld — und Genuß. Aas Herz war bald ausgebrannt. Da bekam ich, an einem herrlichen Frühlingsmorgen, ein kleines Brieschen von — Baruch. Er bat mich, eiligst zu ihm zu kommen,-um einem theuren Leben den letzten Trost zu bringen. Ein Wort stand darunter, das mich im Innersten erbeben machte; es war von der Hand meiner Marianne: ״Sage nichts Deiner Frau; nenne meinen Namen nie vor ihr, nimmermehr. Sie ist Schuld an meinem Unglücke, meinen Leiden, meinem Tode." Ich nahm Extrapost und reiste zu ihr. Ich traf Abends spät im Dörfchen an. Ich fragte nach Baruch. Er wohne in dem einsamen letzten Häuschen dort, mit den grünen Läden, hieß es. Die Leute sahen mich so befremdend an. Als ich hinkam, blinkte durch die Fenster Helles Licht. Ich trat ein, ein festlicher Hauch umwehte mich, überall brannten Lichter, auf dem Tische lagen jene dünnen Brode, die ich, seitdem wir vornehm geworden waren, in unserem Hause nicht mehr gesehen hatte — und zu meiner Schande auch nicht vermißt habe — die Matzos — —. Es war Peßach, der erste Sederabend — — ich, der fromm erzogene Sohn jüdischer Elten hatte es nicht einmal gewußt. Meine Schwester lag im Bette, das mitten im Zimmer stand, ihre Augen den Lichtern zugewendet. Eine taube Magd saß auf der einen, Baruch aus der andern Seite des Bettes. Sie breitete eben ihre Hand aus gegen die Lichter — und legte sie dann segnend aus das Haupt eines Kindes, das neben ihr in der Wiege lag. Ich stand stumm, unbeweglich. Stumm mar auch ihr Gruß, als sie mich erkannte. Ich erfuhr Alles. Noch in derselben Nacht starb sie, ihre Hand in der meinigen. Was ich ihr versprochen, habe ich gehalten, werde ich auch ferner halten .... Der dort draußen sitzt, Semmi, ist der Sohn meiner Schwester. Ich will nicht Richter sein zwischen Dir und ihr. Ich — habe Dir ja verziehen, was Du mir selbst gethan; ich hab's vergessen in dem immer noch sich erweiternden Strudel unseres Lebens, — ich habe es gern vergessen, als unsere Ehe endlich durch ein Kind begnadet wurde; — unsere Adele! Da hoffte ich auf Aenderung Deines Charakters. Ich habe mich auch da getäuscht. Aber jetzt frage ich Dich: Mutter, willst Du, daß das Loos unseres Kindes gleiche dem meiner geopferten Schwester? (Fortsetzung folgt.)

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