Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 4 (22.1.1873)
- Date
- 1873-01-22
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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30 er ״von ihm habe sagen hören, daß er nicht an Gott glaube." Seine Ansicht trug den Sieg davon und der berühmte Gelehrte ward von der Liste gestrichen. ״Wir stehen nicht an, sagen die Arch. isr. eine solche Entscheidung als ungerecht und gefährlich zu bezeichnen: Mögen die Forschungen des ausgezeichneten Gelehrten den religiösen Fragen auch noch so sehr entgegenzustehen scheinen — sie dürfen nicht als Grund oder Vorwand dienen, seine sociale Stellung zu alteriren; für den Staat und die Gemeinde muß die persönliche Rechtlichkeit des Mannes genügen, weitergehen hieße Eingriffe thun in das unverletzliche Heiligthum der Gewissensfreiheit" — Worte, denen wir uns mit vollster Ueberzeugung anschließen. — So sollten kürzlich in Nürnberg, gelegentlich einer Ehescheidungsklage, drei Frauen und Hr. Scholl, Prediger der freireligiösen Gemeinde, eidlich vor Gericht vernommen werden. Sie weigerten sich die Schlußworte des Eides: ״so wahr mir Gott helfe" auszusprechen, weil sie' ״nicht an einen persönlichen Gott glauben." Das Gericht verurtheilte sie zu 3. fl. Geldstrafe wegen Eides- Weigerung, wogegen Hr. Scholl, als gegen Eingriff in die Gewissensfreiheit, Appellation einlegte. 11. (Jüdische .Auswanderung aus dem Elsaß.) Nach demselben Blatte, Arch. isr., haben sich die jüdischen Auswanderer aus dem Elsaß hauptsächlich zu Elbeuf, Reims und Sedan, (wohin namentlich die Wollspinner und Tuchfabrikanten aus Bischwiller gewandert sind) Einzelne auch in Chalons s. M-, Ramberwilliers und Nantes niedergelassen. Letztere Stadt zählt jetzt 35 jüdische Familien, zumeist elsässischen Ursprungs. DieseNiederlassung der Juden im westlichen Frankreich sei erwünscht und die Gründung eines Rabbinats in Nantes bald bevorstehend. Weit größeren Zuwachs hat Saint-Die im Departement der Vogesen erhalten, wo sich 30 jüdische Familien aus dem Elsaß auf einmal niederließen. Die dortige Synagoge war früher eine protestantische Kirche; es herrscht da ein reges Leben in der israelitischen Eultusgemeinde. Eine gleiche Anzahl jüdischer Familien wanderte in Luneville ein: Hopfenhändler, Kinder spielwaaren- und Uhrengläser-Fabrikanten, welche den größten Theil ihrer christlichen Arbeiter mit sich brachten. In Sedan mit jetzt 300 israelitischen Einwohnern lassen Gottesdienst und religiöse Institutionen noch viel zu wünschen übrig und sei eine neue Synagoge dringendes Bedürsniß. — Theils Dankbarkeit gegen Frankreich, das den Israeliten zuerst volle Emancipation gewährte, theils (sicher übertriebene) Furcht vor der beginnenden Militairherrschaft ist bekanntlich die Ursache dieser Auswanderung. 12. (König Johann von Sachsen und die Juden.) Bei Gelegenheit der goldnen Hochzeit des Königs Johann von Sachsen erinnerten die ״Jewish Times" an die schönen Worte, die er als Prinz von Sachsen in der Kammer sprach, alsdurch eine Bittschrift des sel. vr. Beer, im Jahr 1833, die Emancipationsfrage zum ersten Male zur Sprache kam: ״Mich schmerzt es, daß die Juden, welche doch Menschen sind wie wir, gezwungen sind, um Bewilligung von Menschenrechten nachzusuchen .... wir müssen Alles entfernen, was Beschränkung oder Unterdrückung involviren kann" re. — Allerdings darf dabei nicht übersehen werden, daß der eifrig katholisch gesinnte König im erzprotestantischen Lande — um die Krone Polens an sein Haus zu bringen, trat Kurfürst August bekanntlich zum Katholicismus über und seitdem hat Sachsen, die Wiege des Protestantismus, ein katholisches Königshaus — daß der König, sagen wir, damit zugleich die eigne Sache, die des auch zurückgesetzten Katholicismus, plaidirte! 13. (״Der Jude muß verbrannt werden.") Heil ist dem'Judenthume widerfahren! Die ״Kreuzzeitung" erhebt es zu einer hohen Macht im Staate. Bei Gelegenheit der Berliner Versammlung, welche das Zusammengehen mit der AIliance Israel, aussprach, bläst sie in das Lärmhorn und warnt vor dieser neuen Macht: ״Neben der schwarzen Internationalen", der Jesuiten und der rothen Internationalen der Communisten, bildet sich jetzt eine dritte Internationale, die der Juden" . . . ״und diese jüdische Internationale verfügt über ungeheure Geldmittel." — Gut gebrüllt, Löwe! Und die Jahres-Einnahme der Allianz betrug 93,500 Francs. Welch' eine Geldmacht!! — Solches sind die Gesinnungen der Frommen und Reactionäre. Und die andere extreme Partei, die s. g. Rothen, geben ihnen darin nicht das Mindeste nach. Der ״Neue Social - Demokrat," das Organ der deutschen Communisten und die ״Lepublihue franQ.aise“, das der französischen, thun ihr Bestes, um so eine kleine Judenhetze auf die Beine zu bringen. Kann die ״Kreuzzeitung" auf solche Geistesverwandte nicht stolz sein? 68<!״ beaux esprits 86 rencontrent.“ Das Judenthum aber darf stolz sein, solche Gegner zu haben. 14. (Die Geldbörse und der getaufte Jude.) Eine sehr vornehme, höchste oder gar ״allerhöchste" deutsche Dame hat das Gelübde gethan, dem Papste jährlich als Geschenk eine Gold gefüllte Börse und — einen getauften Juden zu überreichen. Diese Ueberreichung fand kürzlich wieder statt, nachdem der Jude Tags vorher in der Basilica mit ungeheurem Gepränge die Taufe erhalten hatte. Der Papst, hoch entzückt (über den Juden oder die Börse?) überreicht als Gegengeschenk ein Ebenholz-Kästchen mit Silber eingelegt, das ein Bild der Madonna, einen eleganten Fächer, ein Gebetbuch und — eine damastene Theetischdecke (!) enthielt. — Ob der Alte im Vatican dabei wieder geflucht und vom Königsmord ge—sprachen hat, muß der Leser die Jewish Times fragen, der wir die Nachricht entnehmen, und die Verantwortung überlassen.