Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 4 (22.1.1873)
- Date
- 1873-01-22
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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und jüdische Gemeinden und Armenverbände, Pensionsvereine und Wohlthätigkeitsinstitute aller Art gründen: woher aber nach dem Aussterben etwa der jetzt lebenden Generation die Juden für diese Institutionen? Leugnen wir uns nicht — und eine eingehende Statistik wird unsere Aufstellung nur bewahrheiten, daß mehr als die Hälfte der jüdischen Kinder der Gegenwart schon jetzt entweder gar keinen oder nur einen sehr mangelhaften Religionsunterricht erhalten! Das ist ein trauriges Faktum: wie wird es nun unter solchen Umständen in zwanzig oder dreißig Jahren um ״das Judenthum in der Judenheit" bestellt sein? Man wird zweifelsohne von Seiten der halben und ganzen Orthodoxie die Männer unserer Richtung, die Lehrer und Rabbiner, welche der Reform zuneigen, für diese Thatsachen verantwortlich machen. Daß dies Unwahrheit durch und durch ist, brauchen wir hier unseren Lesern nicht zu erweisen, und Jene — wissen es auch; sie wollen's aber nicht wissen. Wir können nur constatiren, daß noch heute die orthodoxen Schulen das größte Contingent zu denjenigen stellen, welche beim ersten Luftzuge Alles von sich werfen. Hyperorthodoxie und Atheismus stehen hart neben einander; Gegensätze berühren sich, — das ist eine alte Wahrheit, durch Thatsachen tausendmal erhärtet. Nur ein erleuchtender, das Leben der Gegenwart tangirender, auf dem Boden der gelüuterten Erkenntniß stehender Religionsunterricht sichert gegen Abfall und Jndifferentismus. Das ist übrigens eine Frage, die nicht hierher gehört. Wir wollten nur constatiren was wir oft schon behauptet haben: das Bekleistern des Risses hilft nichts. Es ist ganz selbstverständlich, daß in einer so eminent inneren Frage die Parteien auseinandergehen werden. Es muß sich — und deß freuen wir uns — dabei zeigen, welche Richtung im Judenthume wahrhaft lebensfähig und Begeisterung erzeugend ist. Wir stehen nicht an, einige Beweise für unsere Behauptungen über die Mangelhaftigkeit des Religionsunterrichts zu erbringen. In den Großgemeinden gibt es leider sehr viele Namen- Juden, welche an und für sich jedem Religionsunterrichte abhold sind. Wir können dafür einige höchst, bezeichnende Beispiele anführen. Ein Religionslehrer einer großen süddeutschen Kurstadt hat uns glaubhaft versichert, daß er öfters während der Kurzeit, an Kinder großstädtischer Eltern Religionsunterricht zu ertheilen hat, weil diese Eltern sich schämen, ihre Synagogen — etwa neben Orgel und einigen ״verlorenen" deutschen Gebeten und Gesängen zu conserviren strebt: wieviel von den Jüngeren können an diesem Gottesdienste sich innerlich betheiligen? Kinder zu Haufe am öffentlichen Religionsunterrichte theilnehmen, oder auch nur einen Religionslehrer ins Haus kommen zu lassen. In anderen Fällen war es hier der Vater, dort die Mutter, welche absolut und grundsätzlich gegen jeden Religionsunterricht eingenommen sind —, und nun besorgt es der andere elterliche Theil in der Fremde, ״hinter dem Rücken"!! Welche Zustände! — Was hier zu thun, vermögen wir nicht anzudeuten. In solchen Fällen hört eben Alles auf! — In sehr vielen Fällen treten Zeit und Verhältnisse, insbesondere aber die Einrichtung der öffentlichen Schulen hindernd in den Weg. Es muß da eben erst Platz für den jüdischen Religionsunterricht geschaffen werden und das ist mit die Aufgabe, die uns die beregten, obengenannten Thesen stellen. Wir hoffen, es wird das in der Praxis nicht so schwer sein, als man sich jetzt noch vorstellen mag und lassen daher auch diesen Punkt für diesmal unberücksichtigt. Wenn wir nun auch über die mittelgroßen Gemeinden mit geordnetem Cultusnnd Schulwesen hinwegsehen können, weil hier im Allgemeinen noch die Zustände am geregeltsten erscheinen, so bleibt uns nur noch die ungeheure und stets wachsende Zahl von kleinen Gemeinden, welchen einmal alle Mittel zur anständigen Besoldung eines Religionslehrers und Cultusbeancken fehlen und wo noch kein Weg zur Abhülfe gefunden ist. Die Verhältnisse in diesen Gemeinden sind trauriger, als viele unserer geschätzten Leser wissen mögen. Es ist darum diese Frage die wichtigste, die uns beschäftigen kann und sie erfordert die Aufbietung alles Nachdenkens und aller Kraft. Als Grundlage aber für unsere Auseinandersetzung, die wir folgen lassen, stellen wir, weil nun einmal Thesen vorliegen, auch in diesem Betreffe heute eine einzige These auf, für welche wir uns die Zustimmung aller Israeliten Deutschlands erbitten und auf welche wir unsere weitere Ausführung stützen. Diese These lautet: Es ist die erste und heiligste Pflicht aller deutschen Juden und aller zur Förderung des Judenthums geschaffenen Körperschaften, dahin zu wirken, daß jedes jüdische Kind in Deutschland einen entsprechenden Religionsunterricht erhalte. Wenn für Israel das Sch'ma die Grundlage seines Bekenntniffes ist und bleibt; wenn uns dies Sch'ma einigt, so ist auch das ושעתם לבניך unleugbar die Pflicht der Gesammtheit; שמע ישראל. Was wir demzufolge zu thun haben, und was wir thun können, wenn wir wollen, soll der Gegenstand unserer weiteren Erörterung sein. (Fortsetzung folgt.)