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Jüdische Volkszeitung · 1873-01-15 · 3 (15.1.1873) · p. Seite 21

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
3 (15.1.1873)
Date
1873-01-15
Page
Seite 21 (sequence 5)
Language
German
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21 schon vermöge seiner Organisation weit eher dazu geeignet ist, die ihm vorgesteckten Ziele, und darunter auch die ihm mit der Alliance gemeinsamen, zu verfolgen und zu erreichen, als irgend eine aus einzelnen Individuen gebildete Vereinigung, das wird wohl Jedermann zugeben, welcher gleich mir erkannt hat, daß wahrer Fortschritt nur auf dem Wege des Selfgovernment, der Heranziehung der Volksbestandtheile jeder Art zu ihrer eigenen Hebung, nicht aber durch die Beschlüsse und Thaten einzelner, wenn auch noch so ehrlicher und bedeutender Männer, zu erwarten ist. Ein solches Selfgovernment, eine so allgemeine Theilnahme an dem Fortschritt des Judenthums ist den deutschen Juden in dem deutschisraelitischen Gemeindebunde geboten und nur fanatische Bosheit und blasirte Indolenz vermögen diese Bedeutung des Gemeindebundes zu verkennen, oder absichtlich zu verdecken. Allein, daß man auch von Seiten der Männer, welche die „Israelitische Allianz" jetzt ins Leben gerufen haben, das Wesen und die Bedeutung des „deutsch-israelitischen Gemeindebundes" so sehr verkannt hat, daß man durch Gründung der „Israelitischen Allianz" dem deutsch-israelitischen Gemeindebunde ein Concurrenz-Jnstitut an die Seite stellte, welches natürlicherweise ohne selbst zu gewinnen, dem Gemeindebund nur Abbruch thun kann, das ist ein betrübender Beweis der Unklarheit, welche jetzt selbst in maßgebenden jüdischen Kreisen über die Aufgaben des -deutschen Judenthums und über die Mittel, diese Aufgaben zu erfüllen, herrscht. Denn, wenn irgend Jemand in der Welt nöthig hat, seine Kräfte zusammen zu halten und nicht zu zersplittern, so ist dies der Jude, einzeln und in der Gesammtheit. Die Bildung der „Israelitischen Allianz" aber bedeutet eine Zersplitterung der Kräfte. Sie schwächt nicht nur den „deutsch-israelitischen Gemeindebund", sondern auch die Alliance israelite universelle und wirkt so nach allen Seiten mehr schädigend, als fördernd. Denn, ich wage es zu behaupten, daß die „Israelitische Allianz" nie die Bedeutung erlangen wird, welche die Alliance israelite universelle noch jetzt hat, daß es daher bei dieser Annahme unmöglich ist, die Bildung der „Israelitischen Allianz" von irgend einem Gesichtspunkt zu rechtfertigen. Bei Gründung des Gemeindebundes wurde hauptsächlich hervorgehoben, daß an der Stelle der in letzter Zeit in ihrem Einflüsse immer schwächer gewordenen Alliance israelite universelle ein Ersatz gesucht und geschaffen werden müsse und diesen Ersatz soll und kann der Gemeindebund bieten. Ein Institut aber, wie die „Israelitische Allianz", welches die Eopie der Alliance israelite universelle ist, ohne ihr an Ansehen und Kraft gleich zu kommen, kann unmöglich wohlthätig gerade in denjenigen allgemeinen Angelegenheiten wirken, welche die vollste Entwickelung aller Kräfte erfordern. Nach dem Gesagten kann ich daher auch Ihrem, im Uebrigen recht wohlgemeinten, Gleichnisse in Mitten Ihres Schlußberichtes innere Bedeutung nicht zubilligen. In solchen allgemeinen Angelegenheiten muß man sich von jeder Sentimentalität fernhalten und, indem ich bei Ihrem Gleichnisse bleibe, wage ich es zu sagen, daß das dritte Kind, die „Israelitische Allianz" besser nicht geboren worden wäre, als daß es, jetzt selbst nur ein krüppelhastes Wesen, seinen gutangelegten älteren Geschwistern Nahrung und Luft und Freiheit verkümmert. Ja, ich meine, sein frühzeitiger Tod wäre eine Wohlthat für es selbst und für das Gedeihen der übrigen Familie. Dr. Wachtel. Hus der Pfalz. Vor einigen Wochen sandte Rabbiner Salvendi in Dürkheim die Berichte der Alliance israelite universelle zu Paris nebst einer Aufforderung zum Beitritt zu derselben an die israelitischen Gemeinden der Pfalz, nicht bloß seines Bezirks, sondern mit der gewöhnlichen Anmaßung und Zudringlichkeit auch an die Gemeinden der andern Rabbinerbezirke. Diese Thatsache allein genügt für Jeden, der das Gebühren jenes Mannes kennt, um die Tendenz zu ermessen, in deren Dienst die ursprünglich zu so schönen Zwecken gegründete, und darum auch von den gebildetsten Israeliten so warm gepflegte Alliance mißbraucht wird, wohl ohne daß das Comite in Paris eine Ahnung davon hat. Wenn Leute wie Salvendi die Agenten der Alliance sind, so kann kein Denkender an der Wahrheit Ihrer, übrigens durch Thatsachen schon feststehenden Darstellung in No. 13. d. Bl., daß es nämlich „den Schwarzen, Lärmschlagern und Agitatoren gelungen ist, nach und nach fast ganz und gar die Alliance für ihre Zwecke auszubeuten," den geringsten Zweifel mehr hegen, und wer es ernst meint mit der Bildung und dem Fortschritt seiner Glaubensgenossen, muß sich von einem Verein abwenden, dessen reiche Mittel solchen Geistern dienstbar sind. Aber es dürste in jener Thatsache auch die dringende Aufforderung für das Comite der „Israelitischen Allianz in Deutschland" liegen, die Statuten der letztern nebst einer kurzen, klaren Darlegung ihrer Ziele und damit motivirten Aufforderung zum Beitritt zu derselben ohne Säumen den Cultusgemeinde-Vorständen und andern für den Fortschritt wirkenden Männern zu senden, wenn die kleine, aber rührige Partei der Jungorthodoxie nicht das Prävenire spielen soll. Nachbemerkung der Redaktion: Unsere geschätzten Leser ersehen aus den Correspondenzen aus Homburg, aus den Aeußerungen des Herrn Dr. Wachtel und aus dieser Correspondenz, wie verschieden die Stimmungen in Betreff der Einheitsbestrebungen der deutschen Judenheit sind! Alle diese Stimmen sind so gewichtig, von so hohem Ernste getragen, daß wir nicht umhin konnten, die Gegensätze hier

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