Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 3 (15.1.1873)
- Date
- 1873-01-15
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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wie die deutschen Juden es thun, (!) die stets in Entzücken gcrathen (!), wenn sie das Geringste erreichen. Was wir schon längst (!) besitzen, danach haben die deutschen Juden lange vergeblich geschmachtet, schmachten zum Theil noch jetzt!" — Machen wir hier einstweilen eine kleine Pause. Die Richtigkeit des hier Mitgetheilten gar zugegeben, scheint Herrn Peltyn jedes Verständlich für politische Situationen gänzlich abzugehen. Denn es kommt ja bei Beurtheilung derselben nicht so sehr auf die Gesetze eines Landes, auf die Rechte und Freiheiten, deren die Angehörigen eines Staates sich erfreuen, als vilemehr auf die Culturstuse an, auf welcher dieser und jene sich befinden, auf die Rechtsbafis der Freiheiten und Rechte, sowie ans verschiedene andere Gesichtspunkte, auf die hier näher einzugehen ebenso unfruchtbar wie unthunlich wäre. Welcher vernünftige Mensch würde z. B. behaupten wollen, daß die Griechen, die Rumänen, die Spanier eine bevorzugte politische Stellung einnehmen, weil sie freisinnige Verfassungen haben? Oder daß man schon durch den Besitz einer großen gelehrten Bibliothek zum Gelehrten werde? Doch etwa sanderes, Herr Peltyn! Sie thun ja gerade so, als ob die deutschen Juden Ihnen Ihre Freiheiten nicht gönnten, Ihnen dieselben gern streitig machen möchten! Wem in aller Wellt fällt denn dies ein? Genießen Sie doch froh, was Ihnen beschieden! Freuen Sie sich Ihrer bevorzugteren staatlichen Stellung im glänzenden Gegensatz zu der der deutschen Juden und schätzen Sie sich glücklich, daß Sie nicht mehr, wie diese noch, zu schinachten und um Staatsämter zu „betteln" brauchen! Und was nun die damit verbundene Ruhmredigkeit und das ins Entzückengerathen der deutschen Juden anbetrifft, so habe ich zwar auch sowohl in Ihrem geehrten Blatte, wie in den französischen, englischen, amerikanischen rc. Journalen, wenn Glaubensgenossen — es geht ja bei anderen Consessionen und ihren Organen ganz ebenso — irgend einen höheren staatlichen Posten erhalten, sehr häufig den Ausdruck einer der Wichtigkeit desselben entsprechenden Befriedigung gesunden. — Jndeß aus purer Großmuth will ich Ihnen, Herr Peltyn, zu allem U'berfluß noch verrathen, daß bei den deutschen Juden die Ruhmredigkeit und das in's Entzückengerathen in ein förmliches System gebracht ist, das Sie in Ihrem geschützten Blatte mit gewohnter Schlagfertigkeit und Ihren wohlgezielten Seitenhieben auf Gesammtdeutschland einmal des Längeren und Breiteren zur Sprache bringen können. Wenn nämlich ein Jude in einem noch so kleinen Neste Deutschlands einen noch so geringen Posten, etwa den eines Nachtwächters erhält, dann wird sofort von dem Vorstande der betreffenden Gemeinde Festtag proclamirt, Uinzüge durch die Stadt veranstaltet, Freudenfeuer angezündet, Bankette abgehalten, Toaste ausgebracht u. s. w. Unterdeß hat aber der Telegraph bereits nach allen Richtungen hin gespielt und jeder jüdischen Gemeinde des weiten deutschen Vaterlandes das große Ereigniß kundgethan, worauf dann überall dieselben Aeußerungen der Ruhmredigkeit und des Entzückengerathens. Natürlich, daß die jüdischen Zeitungen in Deutschland ein treues Spiegelbild alles dessen liefern! Merken Sie nun, Herr Peltyn? Sie sind natürlich ganz anders und können auch ganz anders sein! Im Vollbesitz alles dessen, was das staatliche und gesellschaftliche Leben angenehm und genußreich macht, erfreuen Sie sich eines stoischen Gleichmuths, einer olympischen Ruhe, die bewundernswerth. Und ich glaube, Sie würden selbst dann noch Ihre angeborene und anerzogene Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit und Nüchternheit im glänzenden Gegensatz zu den Deutschen und den deutschen Juden bewahren, wenn es sich um ganz andere Dinge handelte, als um die Ernennung zweier Israeliten zu Advocaten am Appellationsgerichte. Würde beispielsweise in Ihrem Lande, in welchem die Juden eine so bevorzugte Stellung einnehmen, ein solcher eines Tages, was doch nach Ihren Schilderungen Ihres staatlichen Glückes sehr leicht Vorkommen kann, Minister werden, Sie würden mit derselben ruhigen Gemüthlichkeit und bezaubernden Nonchalance Ihre Cigarette anbrennen und Ihre Tasse Chocolade schlürfen, als wäre gar nichts oder nur etwas sehr Alltägliches vorgefallen, ja Sie würden nicht einmal in Ihren: Blatte oder nur so vorübergehend davon Notiz nehmen! Denn im Bewußtsein Ihrer staatlich höheren Stellung sind Sie auch auf diese Eventualität schon längst vorbereitet und gefaßt und Sie lieben es nicht, mit irgend welchen Fortschritten zu prunken, da Sie nicht mehr „schmachten." Freilich hätte sich ein anderer wie Sie, Herr Peltyn, trotz dem und alledem doch sehr gehütet, die, ungeachtet aller — erheuchelten — Bescheidenheit, an die natürlich kein vernünftiger Mensch glaubt, sehr stolze Phrase von der bevorzugten, staatlichen Stellung unserer hiesigen Glaubensgenossen, angesichts des unsagbar tiefen intellectuellen, moralischen und materiellen Standpunktes derselben in die Welt zu senden. Das alltägliche Scham- und Ehrgefühl müßte ja der Zunge und der Feder Einhalt gebieten, wenn es diesen etiva gelüsten sollte, gegen andere Nationen auch nur ein Wort selbst der gerechtesten Kritik zu äußern, wenn, wovon ja jede Nummer Ihrer Zeitung die traurigsten Belege liefert, die große Masse der jüdischen Bevölkerung (die übrige künnnert uns augenblicklich nichts!) eine einzige, Mitleid erregende Misere ist! Doch kommen wir zu dem Schlußknalleffect der Peltynschen Expectorationcn! Nachdem Sie — als Redacteur der jüdischen Volkszeitung — von dem Redacteur des „Israelit" in wirklich zermalmender Weise abgekanzelt worden sind, ruft er in allerhöchstem Pathos: „Wann endlich werden die Söhne Germa-