Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 2 (8.1.1873)
- Date
- 1873-01-08
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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y< verdient es auch Beachtung. Und wahrlich, wir brauchen uns unseres Chanukka nicht zu schämen. Es ist unser schönstes Fest, denn es ist das einzige, das ohne sagenhafte Zuthat auf rein menschlichen und geschichtlich beglaubigten Vorgängen beruht. Heldenmuth, Opferwilligkeit, alle höchsten Tugenden des Menschen finden in den Makkabäern ihre Verkörperung. Und in ihnen finden wir die höchsten Ideale des Juden nicht nur, nein — der Menschen. Man sucht nach einem Feste, das die herrlichen Thaten des deutschen Volkes im Jahre 1870—1871 für alle Zukunft feststellt. Solch ein Fest auf jüdischem Boden haben wir im Chanukkafest. Und jeder jüdische Jüngling, der in den vergangenen Kriegsjahren freudig sich einreihen ließ in die Kämpfer für unser gutes Recht, der gehobenen Muthes in den Tod ging fürs Vaterland — der folgte auch auf deutschem Boden dem Schlachtrufe der Makkabäer. Dies herrliche Fest unserer Jugend fortzuerhalten, das ist eine unserer dringendsten Aufgaben, so uns Judenthum und Erhaltung desselben kein leerer Schall ist. Und hiermit komme ich auf das „Wort für die Jugend". Man hat an manchen Orten und mit Erfolg Bescheerungen für die Kinder an Chanukka eingeführt und in vielen Familien liegen die Festgeschenke unter dem Chanukkalicht. Das ist schön und finnig. Dieses Chukkath hagojim lasse ich gerne zu, wenn man überhaupt „bescheeren" ein Chukkath hagojim nennen kann und nicht vielmehr von allen unseren Festen Nachweisen kann, daß Niemand mit leeren Händen kommen solle, jeder nach seinen Verhältnissen, je nach dem Gottes Segen ihm bescheert ward. Beiläufig: dies „isch Kemathnath jodau" könnte auch manchem christlichen Familienvater zur Richtschnur bei Bescheerungen dienen; es gäbe dann weniger Deficit im Haushaltbuch am Jahresschluß. Das häufige Uebersehen dieser goldnen Regel ist ein volkswirthschastlich bedenklicher Umstand. Gut denn. Ihr bescheert den Kindern unter dem Lichterglanz des Weihefestes, nicht der Weihnachten. Aber bescheert Ihr ihnen denn auch Geistiges? Denkt Ihr daran, ihnen ein Buch in die Hand zu gelu-n, das in Inhalt und Ausstattung, in künstlerischer Form und würdiger Haltung an die Seite zu stellen wäre den Geistesblüthen, welche das Weihnachtsfest in reicher Fülle alljährlich ausstreut? Wo ist das jüdische Haus- und Volksbuch, das vollendet in künstlerischer Ausstattung ebenbürtig an Seite gestellt werden könnte den Hunderten von Kinderschriften und Albums, die alljährlich den Weihnachtsmarkt aufsuchen? Ihr meint, diese Schriften seien ja auch für Eure Kinder. Lest sie nur. Da ist der Weihnachtsbaum und der heilige Christ das A und O der meisten oder doch vieler und zwar jetzt der schönsten Schriften auf künstlerischem poetischen Gebiete. Und daraus folgt: Ein Mahnruf an Euch, Schriftsteller, Dichter, Maler, Lehrer, Rabbiner, die Ihr Juden nicht blos heißen, sondern sein, nicht blos selbst sein, sondern erhalten und fortbilden wollt. Ein Mahnruf an Euch, dafür zu sorgen, daß unsere Kinder nicht blos in ernsten Schulbüchern, sondern auch in solchen Schriften, welche, dem Nothwendigen das Niitzliche und Schöne zugesellen, in Liebe für das Judenthum erfüllt werden. Ich kenne außer dem herrlichen Buche des unsterblichen Sachs „vom Euphrat und Tigris", außer „Libanon" und „Jeschurun" nichts, was ich in dieser Richtung unter den Chanukkaleuchter zur Bescheerung legen könnte. Unser Schriftenthum ist meines Wissens arm auf dem Gebiete derartiger Jugendschriften*) und Blumenlesen. Schon bei einer Barmizwah kommt man in Verlegenheit um die Wahl solch eines Buches, das ein jüdischer Führer durch das Leben sein soll. Und unser Schriftthum ist doch so groß. In alter und neuer Zeit ist so viel Gutes gedacht, geschrieben worden; Woche um Woche bringen seit vielen Jahrzehnten mehrere jüdische Zeitungen so viel des Stoffes, daß eine verständnißvolle Auswahl aus all dem in Poesie und Prosa ganz vortreffliche Anthologie bieten könnte. Und nun erst unsere productiven Köpfe, unsere Meister in Schrift und Wort. Wollten sie — unsere Jugend erhielte Werke, die nicht nur ihr, nein, der deutschen Literatur zur Freude und Ehre gereichte. * Und damit rufe ich denn mit schwachem Wort Allen zu, die stark genug sind, es zu beherzigen: schafft uns, gegenüber den zahllosen Weihnachtsschristen mindestens ein Buch: „Zu Chanukkah". Ja, unter diesem Titel erfreut alljährlich unsere Jugend mit einem neuen Buche. An mitarbeitenden Kräften wirds Euch nicht fehlen, wenn Ihr Berufenen es in die Hand nehmt. Laßt mich gleich hinzufügen, wie ich mirs denke: Billig, damit es Jedermann und nicht blos den Söhnen der Paläste zugänglich sei, zugleich auch schön ausgestattet, nicht luxuriös, dabei so, daß es das Auge erfreut und daß man nicht von uns sage, uns gehe der Sinn für Schönheit ab. Dies das Aeußere. Und das Innere? Ich nenne Beispiele. Würde es unseren Kindern nicht Freude machen, würde es ihnen nicht nützlich sein, wenn man ihnen wahr, klar, schlicht und gut die Lebensgeschichte Gabriel Rießers mit eingestreuten Kraftstellen seiner Schriften und *) Jüdische Jugendschriften find erschienen von Simon Krämer und Treu. Auch die „Achawa"-Vereinsbücher dürfen hierher theilweise zu rechnen sein. Redaction.