Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1873
- Issue
- 2 (8.1.1873)
- Date
- 1873-01-08
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Aber weil ich das thue, eben darum wiederhole ich: es ist ein christliches Fest, keines für Juden. Ihr wendet ein: Welch ein Widerspruch; warum sollten wir nicht „Alles prüfen und das Beste behalten?" Warum sollten wir mcht Theil nehmen an einem so edlen Feste mit so edlen Zwecken? Ich antworte: das Fest ist Ausfluß des Christenthums, es bezeichnet seinen Beginn und seine lichtvolle Seite, es ist der gute Genius, der Lichtgott des Christenthums. Wenn Ihr dies Fest wollt, warum nicht gleich das Christenthum mit? Die von Euch, meinen Gegnern, wissen, was sie wollen, und warum sie Juden sind und bleiben, entgegnen mir: Unser Judenthum ist besser als das Christenthum. Dieses hat neben Lichtseiten auch dunkle Schattenseiten. Fanatismus, Pfaffenthum, Jnfallibilität diesseits und jenseits der Alpen. Unser Judenthum hat nur Lichtseiten; was ihm an Schattenseiten anhängt, das sind die Chukkoth hagojim der Infallibilisten in unserer Mitte. Einverstanden. Und darin liegt meine Antwort. Brauchen wir ein fremdes Fest, um Familiensinn und Familienfreude in unserem Hause zu beleben; brauchen wir Weihnachten, um die religiösen Feste aus dem Gotteshause ins Haus hinüber zu tragen; brauchen wir Weihnachten, um unseren Kindern Freude zu bereiten, um unsere Arbeiter und Dienstleute, um die Armen, ohne Unterschied des Glaubens zu erfreuen? Wir — die wir keinen Sabbath, keinen Festtag haben, von dem nicht die Mahnung seit Jahrtausenden erklänge: Freue Dich mit den Deinen; wir, deren Ahnen die Mahnung erklang, daß auch der Knecht und die Magd ruhen sollen, wenn sie feiern: wir, die wir noch heut tiefergreisend uns erinnert fühlen, wenn wir lesen und hören, wie an jedem Festage die Aufforderung ertönt: gedenkt der Armen, der Wittwe, der Waise, des Fremdlings — denn Fremdlinge wäret auch Ihr in Egypten, wir, denen nicht gesagt ist: Thut Gutes den Armen, denen, die Eures Glaubens sind: wir dürfen mit vollberechtigtem Stolze sagen: was Euch Euer Weihnachten bietet und wirklich gibt, das haben wir in jedem unserer Sabbathe und Festtage. Freilich, wir können diese, vor Allem die Sabbathe, nicht mehr in der alten Jnbrünstigkeit feiern. Uns fehlt Zeit und Stimmung. Und auch die unter uns und unseren' Gegnern im Lager der Orthodoxie, denen die Sabbathlampe noch strahlt, haben die alte Sabbathandacht nicht mehr. Ob auch ihre Hand nicht schreibt, — die ihres christlichen Commis thut es und ihr eigener Kopf rechnet am Sabbath. Aber all das ändert nichts an der idealen Forderung unserer Ruhe- und Festtage, an der Möglichkeit, einzelne von ihnen ideal zu gestalten. Und welchen Familienvater erfaßt nicht herziges Frohgefühl, wenn er am Peßachabend Frau i und Kinder vor sich sieht. Ob er sich müht, ihnen die gelschmacklose Haggada schmackhaft zu. machen, oder ob er ihnen i frei erzählt von den trüben Tagen damals und den herrlichen J Tagen jetzt, — ob er in hergebrachter Form oder frei seinen! Kindern bricht vom Brote der Armuth, das die Väter aßen j und von der wunderbaren Thatsache, daß, so oft auch unsere j Gegner uns bedrängten, wir doch immer siegreich und herrlich I aus allen Trübsalen hervorgingen: immer ist da ein Fest ge - j geben, das dem Weihnachten Nichts na.pgibt. Und der ernste! Neujahrsabend, der nicht zu frivolen Sylvesterscherzen, aber! auch nicht zu finsteren Bußgedanken mahnt — ist er kein j Familienfest in des Wortes herrlichster Bedeutung? Wie sehr der Versöhnungstag es sein könnte, der Tag, der doch die geschäftigsten Hände zur Ruhe veranlaßt, wie sehr er es sein könnte, wenn nicht Fastenqual und endloser Gottesdienst diesen Edelstein unserer Religion irr eine unbrauchbare Fassung versetzt hätte, will ich hier nur andeuten, uin die in diesem Punkte sehr feinfühligen Herzen Vieler, die mir sonst Gesinnungsgenossen sind, nicht unnöthig zu verletzen. Freue Dich mit Deinen Festen! Ein Fest aber gibt es, das so recht zur Freude geschaffen ist, weil — oder obgleich, wie Ihr wollt — es nicht in der Bibel vorgeschrieben ist, weil es keine Zumuthüngen an den Verkehr stellt, uns keine Stock ansinnt, weil es an eines der herrlichsten Ereignisse unserer Geschichte, an die Großthaten der Makkabäer erinnert, und weil es — auch das ist zu betonen — mit dem Wcihnachtsfest der Zeit nach zusammenfällt. Die jüdischen Schwärmer für den Weihnachtsbaum, die diese ihre Schwärmerei mit dem Goldpapier geschichtlicher Anschauung umhüllen, wissen uns zu erzählen, daß der Weihnachtsbaum eigentlich älter sei als das Christenthum, daß das altgermanische Julfest heidnischen Ursprungs sei. Sehr weise ausgeklügelt. Leset nur die Schul- und Kinderbücher. Ist da von etwas Anderem die Rede, als von: heiligen Christ und dem Christbaum? Und in der That, was wäre das für ein frostiges Weihnachtsfest, das an Erinnerungen von den Jahr tausenden, an eine längst überwundene, nur noch in Spukgestalten übrig gebliebene Uncultur erinnerte? Mit gleicher Schulweisheit könnten wir sagen: Blickt auf das Weihelicht der Chanukkaleuchter! Meint Ihr, es sei zufällig, daß beide Lichter, die am Weihnachtsbaum und die am Chanukkatiegel jetzt zu derselben Zeit entzündet werden, wenn die Abende am längsten sind? Beide Lichte sind älter als Judas Makkabäus und Jesus Christus und als die Ge schichte von jenem und die Sage von diesem. Die Freude der Menschen über die endlich überwundene Zeit der größten Finsterniß, die Wahrnehmung, daß der Tag wieder zunimmt, ist der Entstehungsgedanke für das Lichtfest. — Wie es sich aber bei jedem Volke und in jeder Religion ausgebildet hat, so