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Jüdische Volkszeitung · 1873-01-01 · 1 (1.1.1873) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
1 (1.1.1873)
Date
1873-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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J I rmd in unserem Sinne eintreten für ihre Ueberzeugung? Männer, die den geistigen Kampf für Wahrheit und Frieden nicht scheuen? Wir erwarten die Antwort von Außen, von unseren geschätzten Lesern und Gesinnungsgenossen. Eorrejponäenz. Kien, im December. Das orthodoxe Rabbinenthum der Gegenwart hat sich wieder einmal die gute Gelegenheit nicht entgehen lassen, seine schülerhafte Impotenz und sclavische Abhängigkeit vom Buchstaben des „Geschriebenen" in der crassesten Weise an den Tag zu legen. Der Fall, um den es sich handelt, ist kurz gefaßt folgender: Eine junge Frau aus den besseren Ständen hat nach eben erst geschlossener Ehe das Unglück, daß ihr Gatte einer Geistesstörung verfällt, welche von den sachkundigsten Specialärzten für unheilbar erklärt wird. Sie sucht Scheidung nach; der mit dem Nimbus der Orthodoxie umkleidete Rabbiner, an den sie sich zu diesem Behufe wendet, bescheidet sie aber, daß diese aus Grund des jüdischen Gesetzes, welches Freiwilligkeit seitens des Mannes verlange, unzulässig sei. Die junge Frau wäre somit, da der betreffende Herr Rabbiner in der labyrinthischen rabbinischen Casuistik keinen, eine günstigere Aussicht eröffnenden Präcedenzfall gefunden, ihr ganzes Leben hindurch verurtheilt, die Gattin eines Irrsinnigen zu bleiben? Man könnte fragen, wenn das Gesetz beispielsweise einer n:my gegenüber von jener allgemeinen Bestimmung abstrahirt, warum nicht auch und warum nicht ganz besonders im vorliegenden Falle, da, abgesehen von allen andern maßgebenden Gesichtspunkten, nicht die geringste Hoffnung auf ein eheliches Zusammenleben, um dessentwillen doch die Ehe geschlossen wird, vorhanden. Oder sollte die Frau nach der Meinung des orthodoxen Rabbiners verpflichtet sein, auf ein wunderbares persönliches Eingreifen der Gottheit zu ihren Gunsten zu warten? Der gesunde Menschenverstand und die nicht theologische Humanität sagen, daß, wenn in Folge eines Umstandes wre des in Rede stehenden, die Ehe factisch als gelöst zu betrachten ist, die rituelle Scheidung alsdann nur noch eine leere Formsache sei und daher anstandslos vollzogen werden könne und müsse, wenn sie von einer Seite begehrt werde. Die Weisheit unserer modern-orthodoxen Theologen entgegnet: non possumus! Mag auch das Lebensglück eines Menschen, einer ganzen Familie darüber zu Grunde gehen — der tobte Buchstabe eines von ihnen nicht verstandenen Gesetzes bleibt für sie ewig Norm. — Ingelkeim, 20. December. Wir brachten jüngst die Mittheilung, daß Hr. Dr. Lehmann, Prediger der orthodoxen Religionsgesellschaft in Mainz und Redacteur des „Israelit" am Grabe des Chordirigenten und Religionslehrers der Gesammtgemeinde, Herrn Albert Mayer, dem Herausgeber eines bekannten Werkes für den Synagogenacsang, gepredigt habe. Wir lesen den „Israelit" nicht, wie wir schon mehrmals erklärten. Wir haben das Leben zu lieb, um es in solcher Weise zu vergeuden. Wir begegnen nun heute in der „Israelitischen Wochenschrift" aus Stettin, dem Organe der „Vermittlungspartei" zufällig einer Notiz, die unsere Mittheilung als „unwahr" bezeichnet. Nach genauerer Erkundigung erfahren wir jetzt aus dem Munde unseres Berichterstatters, einem Gliede des Mayer'schen Hauses selbst, daß derselbe sich geirrt habe. Herr Dr. Lehmann hat bei dem Sterbenden und Verschiedenen nur die üblichen Gebete mehrmals verrichtet — was der Junge mir mit „Predigt" übersetzte. So erklärt sich die „Unwahrheit" ganz einfach. Wir könnten an diese sachgemäße Erklärung so manche Bemerkung knüpfen — wir unterlassen es, weil wir das Andenken des Geschiedenen — den wir im Leben kannten und ehrten — allzusehr achten. Nur ein Wort können wir hier beizufügen nicht unterlassen: Wir wissen nicht, wer das Wort „unwahr" in Bezug auf unsere Mittheilung zuerst gebraucht, ob der „Israelit" oder die „Israelitische Wochenschrift". Wenn's der „Israelit" war, so verzeihen wir ihm das. Der Herr Redacteur hat eben am Sterbebette und bei der Leiche des durch sein ganzes Leben entschiedenen principiellen Gegners vielleicht noch manches kabbalistische Wort gesagt, was sich subjectiv und objectiv hier nicht ganz mit der Wahrheit vereinigen ließ. Das läßt dann psychologisch erklärlich finden, daß man gerne einen Theil der Unwahrheit auf die Schultern Anderer abwirft. Wenn aber die Redaction der „Israelitischen Wochenschrift" diesen Ausdruck „erfunden" hat, die doch auf das Prädicat einer anständigen Redaction Anspruch macht, so müssen wir ihr bemerken, daß in dem Lexicon einer solchen Redaction andere Ausdrücke stehen müssen zur Bezeichnung eines solchen Jrrthums, der offenbar nur durch ungenaue Berichterstattung entstanden ist. Freilich könnten wir auch schließen: wenn die Tendenzen zweideutig sind, warum soll man es in der Wirklichkeit mit der Bezeichnung von „wahr" und unwahr so genau nehmen? — Die Redaction der Jüdischen Volkszeitung. Stuttgart. Man hat sonst den Juden den Vorwurf gemacht, daß sie die respublica dem specifisch jüdischen Interesse nachsetzen, stets als geschlossene Partei zusammenstehen; würden aber die Juden sich nicht zuerst als Deusche fühlen, sie hätten nicht mit so patriotischem Muthe Gut und Blut in: Kampfe für die Glorie des deutschen Vaterlandes eingesetzt. Das unterscheidet gerade die Ultramontanen von' den Juden; dort ist das Centrum in Rom, von dort kommt die Parole;

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