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Jüdische Volkszeitung · 1873-01-01 · 1 (1.1.1873) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1873
Issue
1 (1.1.1873)
Date
1873-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 /;i wir es dann, die die Einheit in Israel aufheben und vernichten? — — Es kann nicht geleugnet werden, daß die neuere Zeit sich durch jüdische Bestrebungen fast rein Humanitären Charakters auszeichnet, die naturgemäß jede religiöse Parteibestrebung ausschließen sollte. Dev „Gemeindebund", die „Israelitische Allianz", selbst die Vereine innerhalb der Gemeinden können nicht geschaffen werden für eine Partei; sie können und sollen mcht geleitet werden durch und im Sinne einer Partei. Haben wir jedoch die Orthodoxie redlich in diesem Sinne bei der Arbeit gesehen? Wir unterschätzen sicher die hohe Bedeutung dieser Bestrebungen nicht, welchen — trotz ihres für jede Partei indifferenten Charakters — eine eminent fortbildende Kraft innewohnt. Aber eine andere Frage ist, ob mit diesen Bestrebungen, bie doch immer nur vorzüglich das äußere Leben berühren, — gerade, weil sie religiöse Parteifragen ausschließen müssen, — Alles geschehen ist? Ist es nicht an der Zeit, für die Ideen des Fortschritts, der Reform im Judenthum einzutreten, das innere, geistige Leben zu stützen und zu kräftigen durch Zusammenwirken in unserem Sinne? Wir haben in Berlin würdige, hochstehende Männer begeistert und begeisternd über die unzerstörbare geistige Allianz der Judenheit sprechen hören. Wir dürfen von diesen Männem erwarten, daß sie in die Integrität dieser Allianz nicht auch die Integrität des Schulchan Aruch eingeschlossen haben wollen. Glauben aber diese Herren, daß wir allezeit in inneren Fragen unparteiisch bleiben und die innere Fortbildung, die Regenerirung des Judenthums jenen „neun Rittern von der traurigen Gestalt" und ihren Anhängern überlassen dürfen? Glauben sie, daß mit Di^ und O'pOlD das Judenthum gerettet und fortgeführt werden kann? Glauben sie, daß die Erhaltung der äußeren Einheit einen Werth hat oder auch nur möglich ist, wenn ihr nicht ein ewiger, unerschütterlicher, geistiger Inhalt zu Grunde gelegt wird? Und wenn dieser innere Gehalt keinen Werth haben sollte bei diesen Männern, — Gott bewahre uns vor dem sündhaften Gedanken, dies annehmen zu wollen; aber wir setzen nur den Fall! — wozu dann die Erhaltung der Form, der äußeren Einheit? Wären wir dann nicht ebenso gut Formmenschen, wie unsere principiellen Gegner? Wahrlich, wir haben die Männer der Finsterniß, des Fanatismus, der Verdummung, der Rohheit wie eine geschlossene Phalanx bei der Arbeit gesehen; wir wissen-, daß die Gliederung der Orthodoxie eine unleugbare Thatsache geworden ist; und wir sollten müssig dastehen? Ja, esist endlich Zeit, daß die Männer der freien Richtung sich zusammenschließen, daß sie als Glieder einer großen, religiösen Partei zusammentreten, um unsere Cultur und unser Judenthum für unsere Kinder zu retten! Wir müssen zusammentreten zur geistigen Fortbildung des Judenthums. Wichtig ist die Allianz, wichtig ist der deutschisraelitische Gemeindebund; aber wichtiger noch als beide ist eine Vereinigung, die das innere, geistige Leben fördert! Wir wollen nicht den Kampf hineintragen in die oben genannten Institutionen. Wir wollen überhaupt nicht, daß eine solche Vereinigung eine streitende, kämpfende sei! Aber, — gerade darum! Denn, so lange wir nicht unser eigenes Feld für freies und überzeugungstreues Wirken haben, wird der Kampf unter der Asche fortglimmen und da zum Ausbruch kommen, wo er nicht hingehört. Er wird in persönlichen Reibereien zu Tage treten, die nicht erheben, beleben, die Lust reinigen und klären, sonvern abstoßen und erkälten. Sobald wir jedoch einmal offen und ungescheut hinaustreten mit unserer Ueberzeugung; sobald wir sagen, was wir sind und wollen; sobald wir den leider immer weniger werdenden überzeugungstreuen Rabbinern und Volkslehrern einen Rückhalt bieten, auf welchen sie sich zu stützen im Stande sind, wird auch die Fortbildung des Judenthums wieder frische Kraft gewinnen, grünen und blühen! — Wir wollen durchaus keine Spaltung ins Judenthum hineintragen. Wir wollen die Einheit in allen äußerlichen Dingen und tief innen im Herzen auftecht erhalten. Unsere Vereinigung soll nur durch Wort und Schrift, durch begeisterndes Zusammentreten wirken im Snne derjenigen, welche für die Fortbildung des Judenthums in Lehre und Leben eintreten. Wir gründen einen religiösen Reformverein! Nenne man ihn, wie ein verehrter Mitarbeiter auf unserem Gebiete im vorigen Jahre in den Synodalblättern — wenn auch mit weitergehender Tendenz — vorgeschlagen: Moses-Mendelssohns-Verein; nenne man ihn jüdischen Nesormverein, Fortschrittsverein oder wie man will; das ist Nebensache. Aber klar und deutlich möge er die Zwecke bezeichnen, die er zu fördern berufen ist. Er soll streiten für die Wahrheit! Tausende leben vereinzelt in der deutschen Judenheit, die sich vom größten Theile derjenigen religiösen Uebungen frei gemacht haben, die bis jetzt den Juden bezeichneten. Aber in ihnen lebt ein Funke der Anhänglichkeit an das Erbe Juda's und sie möchten einstehen für dessen Erhaltung. Soll dieser Funke, der nur eines schwachen Luftzuges bedarf, um zur flammenden Begeisterung zu werden, untergehen in dem Schutt und Moder, den der Jndifferentismus der letzten Jahrzehnte im Bunde mit dem Fanatismus angehäust? Wird es in der deutschen Judenheit eine Anzahl begeisterter Männer geben, die ein Herz haben für diese Sache

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