Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 1873-1874
- Issue
- 13 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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55 Alles schweigt? Haben wir nicht gesprochen seit mehr als zwölf Jahren? Gesprochen mit aller Kraft, mit aller Hingebung, mit ganzer Liebe für unseren Stand, für unseren Beruf und die Berufsgenossen? Wo ist das Echo geblieben, das uns aus der Mitte derselben hätte entgegentönen sollen? Wo ist die Theilnahme geblieben für unsere Bestrebungen? Wo der Wille, diese Stimme zu unterstützen, daß sie forttönen und immer wieder sich erheben^ könnte? Daß sie gehört werde allüberall? Man hat dem „Jsr. Lehrer" nicht einmal die Bedingungen zu seinem Fortbestände sichern können. Wir haben uns umsonst abgemüht, allein die Sorge getragen, nur von einem kleinen Kreis warmer und ergebener Freunde umgeben. Warum schreiten andere Stände fort und verbessern ihre Lage? Wodurch hat sich der Lehrerstand im Allgemeinen so mächtig gehoben? Er benutzte die drei mächtigen Hebel der Gegenwart: Vereine, Versammlungen, Presse. Was der jüdische Lehrerstand für seine Vereine thut, sehen wir an der Achawa; er betheiligt sich nur in sehr kleiner Anzahl. Und der größte Theil der Betheiligten thut auch dies nur zü seinem eigenen Vortheile; nicht aus allgemeinem oder Standesinteresse. Und ein anderer Theil zahlt seine 2 Thaler.... er bekümmert sich weiter um Nichts; ja — er kennt nicht einmal die Namen der Vertreter. Er will nur gewinnen und zwar bald! Der Beitritt ist ein Geschäft, bei welchem selbst Einzelne Täuschung der Verwaltung für erlaubt halten. Wir haben den deutsch-jüdischen Lehrerverein gegründet. Er hat den Zweck der Hebung der Schule und des Lehrerstandes, nach allen Richtungen innerlich und äußerlich. Auch hier wieder hat sich nur ein verschwindend kleiner Theil betheiligt; auch hier war in vielen Kreisen unsere Stimme eine Stimme in der Wüste: -iinsn NTip hp Und doch müßte es Jedem klar sein, wie sehr in unserer Zeit eine solche Vereinigung Noth thut! Wissen wir ja, daß, wenn die Verhältnisse des Lehrerstandes heutzutage an einem Orte sich besiern, dies für andere Kreise unbedingt Einfluß und Bedeutung hat; und daß, wenn wir einen Verein und eine Casse haben, mit deren Mitteln wir alle Bestrebungen zur Hebung des Lehrerstandes in einzelnen Kreisen unterstützen, wir das Wohl der Gesammtheit fördern. Versammlungen? Ueberall ertönt dieselbe Klage: der Besuch der jüdischen Lehrerversammlungen nimmt stetig ab. In Hannover wie in Westfalen, in Hessen wie anderwärts wird die Zahl der Besucher immer geringer; in der Pfalz denkt man schon lange nicht mehr an eine Berufung. Und die Presse? Ueberall hält und erhält sich ja der Stand sein Organ. Die ärmsten Arbeiter halten ihre socialdemokratischen Blätter, die in vielen Tausenden verbreitet sind. In jedem deutschen Lande und Ländchen, das nur einige hundert Lehrer zählt, existirt ein Landesschulblatt und die Lehrer sind verpflichtet, es zu halten. Man hat von uns gewünscht, daß wir einen ähnlichen Zwang einführen sollten.! Wir konnten uns dazu nicht verstehen, obwohl es sicher durchaus nicht unbillig wäre, wenn der Lehrerstand für das Organ eintreten würde, das allein unter allen jüdischen Blättern treu seine Interessen verficht. Man hat uns' und unserer Zeitschrift den Vorwurf der Parteilichkeit für die Interessen der Reform des Judenthums gemacht. Gut und zugestanden! Wir wollen nicht von unserer Ueberzeugung sprechen, daß Hebung der Schule und des Lehrerstandes aufs Innigste zusammenhängt mit Licht und Fortschritt; daß die fatanisirte Orthodoxie keine Schule und keinen Lehrer, sondern nur Chedarim und Bachurim will;! daß ihr, wie allen Schwarzen nichts verhaßter ist, als ein! aufstrebender, selbstständiger Lehrerstand! Man frage darüber! die Lehrer an orthodoxen Schulen! Ja, wir gestehen es, ein! großer Theil der Theologen freier Richtung ist, man sollte es nicht glauben, unserer Zeitschrift feind — mehr, als selbst den orthodoxen Zeitschriften — blos, weil sie von einem Lehrer herrührt, der bestrebt ist, stets überall mit einer gewissen Frische und Wärme, zuweilen auch mit Schärfe, die! Wahrheit zu sagen, selbst wenn sie bitter ist; und — wir I wiederholen es — wir würden lieber die Feder niederlegen,! als sie durch Heuchelei und Spiegelfechterei erniedrigen. Aber hat denn irgend eine andere jüdische Zeitschrift irgend welcher Farbe das Interesse des Lehrerstandes in irgend einer Weise vertreten? Haben sie je ein unparteiisches warmes Wort, geschweige denn eine That gehabt für die Leiden des Lehrerstandes? Ihn in den Staub drücken, ihm seine untergeordnete Stellung fühlen lassen, sich seiner zur Colportage für ihre Bestrebungen bedienen, das konnten sie allesammt! Aber ihn emporziehen, frei machen, für ihn eintreten? Nimmermehr! Warum hat die Orthodoxie die Gründung eines orthodoxen Lehrerunterstützungsvereins nicht ernstlich in die Hand genommen? Es wäre ihr sicherlich gelungen; — aber sie fürchtete, dadurch den Lehrerstand zu heben; ihn vielleicht gar zu dem Gefühle zu bringen, wie unwürdig das Schnuderthum und so Manches ist, wozu man ihn erniedrigt; was er I muß, um sich zu ernähren. Ein Kämpe dieser Zunft, der! immer und überall seine Galle über die Lehrer, seine Collegen, ' in dem orthodoxen Organe entleerte, erfreut sich mit Wohlbehagen der ihm von der Achawa, der angefeindeten, gewährten Pension, trotzdem seine Angaben, auf welche hin diese