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Der israelitische Lehrer · 1873-01-01 · 12 (1873) · p. Seite 51

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Journal
Der israelitische Lehrer
Volume
1873-1874
Issue
12 (1873)
Date
1873-01-01
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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sich in späteren schweren Tagen anklammern könnten? Was ist ein Mensch, was ist ein Haus, was ist insbesondere ein Weib ohne wahrhafte, ernste, tiefe Religiosität? Nein, all dieses wird nicht in Erwägung gezogen. Glaubt doch eine gewisse Classe von Menschen zu den Gebildeten zu zählen, wenn sie sich über den Religionsunterricht — und die Religion — hinwegsetzt oder ihn als ein opus supererogativum betrachten! Möchten doch solche Menschen die folgenden Worte Heine's zu Herzen nehmen: „Alte Mumien, aus gestopfte, Pharaonen von Egypten, Merovinger Schattenkönige, Ungepuderte Perücken, Auch die Zopfmonarchen Chinas Porzellanpagodenkaiser Alle lernen sie auswendig Kluge Mädchen, aber Himmel — Fragt man sie nach großen Namen Aus dem großen Goldzcitalter Der arabisch-althispanisch Jüdischen Poetenschule, Fragt man nach dem Dreigestirn, Nach Jehuda ben Halevy, Nach dem Salomon Gabirol Und dem Moses Iben Esra, Fragt man nach dergleichen Namen, Dann mit großen Augen schauen Uns die Kleinen an — alsdann Stehn am Berge die Ochsinnen." So Heine, dem man ein einseitiges Urtheil gerade auf diesem Gebiete nicht zum Vorwurfe machen wird. Lernen unsere Kinder denn nicht Religion? höre ich Eltern sagen. Nein! Aeußere Formaliät ist ihnen Religion. Anstatt, um nur ein Beispiel anzuführen, die Eltern nach dem Tode in ihrem Herzen, im Innern zu betrauern, suchen sie dies äußerlich durch schwarzr Toilette, schwarz eingerahmte Briefcouverten, Visitenkarten an den Tag zu legen. Die Welt soll sehen, wie sie trauern, wenn auch in ihrem Herzen — wenn noch ein solches vorhanden ist — nicht eine Saite wehmuthsvoll nachklingt. Erkrankt einer der Angehörigen, so sucht man oft vergebens nach dem Rufe des Herzens, das ihnen die liebevolle Pflege zur Pflicht macht. Nein, fremde Wärterinnen müssen Kindespflicht erfüllen, während die Töchter andere Sachen zu besorgen haben. Haben die Eltern nicht auch die Kinder gepflegt und dürfen sie deswegen als kleinen Tribut nicht auch verlangen, daß die Kinder das Gleiche an ihnen thun? „Ich kann wirklich das Krächzen nicht hören", oder „es greift mich zu sehr an", sind nur leere Floskeln. Mit schweren Vorwürfen habe ich das Damengeschlecht belastet; ja es ist wahr, aber noch wahrer ist, daß alles Gesagte durch geschehene Vorkommnisse bewiesen werden kann. Das sind die Folgen der Geschmacksbildung und Vernachlässigung der Herzensbildung. Je mehr man gerade über diesen Gegenstand nachdenkt, desto deutlicher muß man die Verkehrtheit der Ansichten, die dabei obwalten, einsehen. Schon Arndt sagt: „Ein Weib, das nicht fromm und gottesfürchtig ist, heißt mit Recht ein Ungeheuer", und alle Pädagogen der früheren und jetzigen Zeit stimmen mit einander überein, daß die Erziehung des weiblichen Geschlechts eine religiöse und sittliche sein muß. Es ist dies um so leichter, als gerade die Mädchennatur so geartet ist, daß sie für den Religionsunterricht am empfänglichsten sich zeigt. Warum nun die erziehenden Factoren gerade diese Pflanze, die auf dem guten Naturboden so herrliche Früchte zu reifen verspricht, so gleichgültig pflegen und andere Pflanzungen darauf zu acclimatisiren suchen, ist für uns kein Räthsel mehr; diese verkehrte Anschauung liegt in dem materiellen, äußerlich-formellen Strom der Zeit. Wie lange noch diese Gleichgültigkeit gerade auf diesem Gebiete sich aber erhalten wird, wird die Zukunft lehren. Wir wollen diesen Punkt verlassen, der uns bei dieser Betrachtung länger, als wir selbst gewollt, beschäftigt hat und uns den anderen Gegenständen des Lehrplans einer Töchterschule zuwenden. Außer der lateinischen und griechischen Sprache, Geometrie und Algebra ist wohl der Lehrplan einer Töchterschule von dem eines Gymnasiums nicht sehr verschieden und wir wären die letzten, die diese Parität tadeln würden, wenn nicht in Erwägung zu ziehen wäre, daß der spätere Beruf der Knaben großentheils an der vollendeten Gymnasialbildung anknüpst, während bei dem Mädchen der spätere Beruf in ein ganz anderes Gebiet, das Haus, die Familie, überleitet. Vor Allem ist an den jetzigen Töchteranstalten zu tadeln, daß den Realien viel zu viel, den Elementarfächern viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Rechnen und deutsche Sprache sind Fächer, die besonders zu pflegen sind, da sic erstens als das Denken besonders beanspruchend, ein Gegenmittel für übermäßige Sentimentalität bilden, wozu die weibliche Natur so sehr geneigt ist, und da sie zweitens für den ganzen häuslichen Beruf als nothwendig für alle Zeiten sich erweisen. Durch einen gründlich ertheilten Elementarunterricht wird der Weg zum Denken gebahnt und ist dieses erreicht, so reiht sich alles Andere ohne große Mühe daran. Bei den Realien ist das, was auf die Verhältnisse der Familie Beziehung hat, oder in diesem Kreise seine Anwendung findet, auszuwählen. Abstracte Systematik gehört nicht in die Mädchenschule. Alles muß sich auf natürliche Weise an den Kreis des Hauses anknüpfen. Hiernach muß sich auch das zugleich der Sprachbilbung dienende Lesen mustergültiger deutscher Schriftsteller richten. Es sind vorzugsweise die Products der Phantasie, aber einer reinen nicht sentimentalen oder weichlichen Mondscheinsphantasie, welche hierzu sich eignen. Mit allem Rechte wird der deutschen Literatur ein wichtiger

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