Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 1873-1874
- Issue
- 11 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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47 Bazar abonnirt, Karoline endlich weiß viel vom Theater zu erzählen, denn sie darf wöchentlich mindestens einmal die Tante begleiten. Es kann nicht fehlen, daß Ihr Töchterchen Vergleichungen anstellt, daß hiermit die Aufmerksamkeit auf das Aeußerliche hingelenkt, und daß zugleich ein Streben nach Gleichstellung angeregt wird, welches nicht selten durch eine häßliche Mißgunst getrübt wird. Mir ist der Fall bekannt, daß ein wahrhaft einfach erzogenes und einfach gekleidetes Mädchen mit dem Eintritte in die öffentliche Schule auch sofort unzufrieden mit seiner Garderobe wurde und sich weinend gegen einzelne Kleidungsstücke wehrte, weil diese von den Mitschülerinnen belacht und als altmodisch bespöttelt worden waren." Auch ich erinnere mich noch eines ähnlichen Falles. Als ich mich noch vor fünf Jahren in einer größeren Stadt Süddeutschlands zu meiner Ausbildung längere Zeit aufhielt, hatte ich Gelegenheit in einer Familie zu bemerken, daß die Töchterchen, wenn sie von ihren Instituten nach Hause kamen, ihren Eltern auch gar nichts Anderes zu erzählen wußten, als: „Ach, Mama, wie hat heute die Lina v. P. ein prächtiges Kleid angehabt, das war gottvoll! Und die Mina v. S. hatte auch wieder ein neues an." Von den Kleidern gings zu den Hüten. Solche Mittheilungen wiederholten sich fast so oft, als ich Gelegenheit hatte, mit der Familie zusammenzukommen. Nie hatte ich aber gehört, daß diese Töchterchen von dem gesprochen hätten, was sie in der Schule gelernt, und auch die liebe Mama hat, so scheint es, dieses Amüsement für gut befunden, denn sie hat die Mittheilungen gerne mit angehört und von ihren Töchterchen nie dasGegentheil gewünscht. Ist es deshalb ein Wunder, wenn Kinder darnach streben, ebenfalls so schön gekleidet zu sein und ihr Hauptaugenmerk auf das Aeußerliche legen, wenn die Eltern solche schädliche Keime anstatt auszujäten noch pflegen? Die nothwendige Folge davon ist, daßjenen beneideten Mädchen gegenüber eine Gleichheit eintreten muß. Auch sie wollen jenen in dem Aeußeren nicht nachstehen und die nothwendigen Kleider müssen herbeigebracht werden, ob geme oder ungerne, ob die Mittel hierzu leicht beschafft werden können oder nicht. „Ach, was thut man nicht den lieben Kindern zu lieb", seufzt die Mama und sieht für ihre Schwäche eine Entschädigung darin, daß ihr Töchterchen heute der Gegenstand allgemeiner Bewunderung gewesen. Wir können diesen Gegenstand noch nicht fallen lassen, ohne noch zu bemerken, wie unpraktisch man oft bei der Auswahl solcher Kindergarderobe verfährt. Man richtet stch einfach nach dem Modejournal, ohne auch nur im Geringsten zu überlegen, ob dieser oder jener Schnitt des Kleides auch für die körperliche Entwickelung des Mädchens geeignet ist. Die Mutter sieht oft selbst ein, wie unpraktisch die Kleidung ist, aber „was thut man nicht den lieben Kindern zu lieb", seufzt die Mama und legt sich sklavisch zu Füßen des Modejournals. Ich bedaure nur, hier nicht wörtlich anführen zu können, wie sich der Director der Töchterschule zu Pforzheim in einer Beigabe zum Programm gerade über diesen Gegenstand äußert. Verlassen wir das Gebiet der Kleider und schenken noch einem anderen wichtigen Punkte unsere Aufmerksamkeit. Wir meinen die näheren.Bekanntschaften und Freundschaftsbündnisse, welche sich bei jungen Mädchen nicht blos sehr rasch knüpfen, sondern auch oft zu einer merkwürdigen Innigkeit erstarken. Lassen wir auch hier wieder Kellner sprechen. „Da gibt es denn gar bald wechselseitige Besuche und Einladungen. Sie wissen ja, lieber Freund, wie weit man es heutzutage schon mit Kindergesellschaften gebracht hat. Die kleinen Damen machens recht natürlich den großen nach, und tritt man unversehens in einen solchen Zirkel, so glaubt man an den Hof des Königs von Liliput versetzt zu sein und sich im Kreise von lauter Damen des Hofes zu befinden. Ich hasse solche frühzeitige Nachäffereien, und wenn ich auch wohl weiß, daß jugendlicher Frohsinn und natürliche Ungezwungenheit sich wieder geltend machen, wenn die kleinen Hofdamen abgegessen und getrunken haben, so bleibt doch immer etwas Gespreiztheit sitzen und, was das Schlimmste ist, das junge Völkchen erhält einen zu frühen und zu großen Begriff von seiner Wichtigkeit. Wahrlich, wenn man das Gebühren mancher Mutter mit ihren noch schulpflichtigen Töchtern sieht, so sollte man meinen, das Leben sei ein ewiger Festtag, ein perennirender Ball; denn in der Kleidung, im Putz und Flitter, in der frühen Einführung ins gesellige Leben, im Spazierengehen, um zu sehen und gesehen zu werden, treibt man es öfters so arg, daß die Jugend darüber den eigentlichen Lebenszweck vergessen muß." Haben wir noch lange nach der Zukunft eines solch erzogenen Mädchens zu fragen, dessen jugendliche Schritte in solch verkehrte Bahnen gelenkt worden sind? Dieses steife, gekünstelte Wesen wird alsdann dem Töchterchen noch anhaften, selbst wenn es Dame geworden und welche Folgen daraus resultiren, erleben wir fast jeden Tag. Das Haus ist nicht der Sitz der Häuslichkeit, sondern ein Salon, in welchem man Besuche empfängt und entläßt. Man suche Alles, nur die Hausfrau nicht. Gar Manches ließe sich gerade noch an diesen Punkt anknüpfen, doch wir befürchten, den Raum dieser Zeitschrift für speciell pädagogische Themata zu überschreiten und wenden uns zu dem zweiten Punkte, sicher hoffend, daß noch andere und geübtere Federn dieses Thema aufgreifen und bearbeiten werden. „Das Mädchen ist für das häusliche Leben geschaffen, die Familie ist der Kreis ihres Wirkens, Hausftau, Familienmutter zu werden, ihr Lebensberuf, für Gatte, Kinder und Hauswesen verständig, liebevoll, hingebend zu sorgen, ihr einstiger Ruhm." So sagt Dr. Ricke, der Verfasser einer treff-