Der israelitische Lehrer
- Journal
- Der israelitische Lehrer
- Volume
- 1873-1874
- Issue
- 11 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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46 in Hand ging.*) Gar viele Phänomene der Gegenwart zeigen uns, daß der bis jetzt betretene Weg nicht immer gut genannt werden kann, daß man im Gegentheil auch auf schiefer Ebene sich befindet. Man wähnt, auf der Höhe der Zeit zu stehen, übersieht jedoch, wie gefährlich bei einem Niederschlage das Sinken oder gar das Fallen von der schwindelnden Höhe werden kann. Von dem vielen Material, das nach dieser Seite hin Stoff zu einer Besprechung bietet, wollen wir nur eins herausgreisen und uns heute mit der Töchtererziehung in der Gegenwart beschäftigen. Wir leben in einer äußerst materiellen Zeit. Alles ist verstandsmäßig zugespitzt; die Begeisterung für das Ideale ist vielfach geschwunden. Die Schlange des Materialismus hat es verstanden, sich fast unbemerkt in alle Schichten der menschlichen Gesellschaft hineinzuschleichen und dort mit ihrem giftigen Zahne viele edlen Keime zu benagen und unfruchtbar zu machen. Ja, sie hat mit ihrem schädlichen Gifte einen großen Theil des vorhandenen Terrains derart getränkt, daß dessen aufsteigende Dünste den Menschen immer mehr betäuben und nicht zur rechten Einsicht gelangen lassen. Ist es daher fast eine consequente Folge des Zeichens der Zeit, daß der Mensch der Gegenwart bei jedem Schritte und Tritte immer zuerst nach dem 'materiellen Gewinne fragt, der sich ihm ergibt, so ist es sehr zu verwundern, wie er bei dem wichtigsten aller Geschäfte, bei der Erziehung, so wenig nach dem Ziele aufschaut, das er erreichen will und muß und so wenig den Gewinn in Betracht zieht, der sich ihm ergibt, wenn er hierbei den rechten Weg einschlägt. Es ist zwar nicht in Abrede zu stellen, daß von vielen Eltern die Wichtigkeit einer guten Erziehung anerkannt wird und daß von ihnen Alles aufgeboten wird, um eine solche ihren Kindern angedeihen zu lassen. Aber wie Viele verstehen hier das Gute vom Minderguten zu unterscheiden? Wie Viele gibt es, die das Gute für böse und umgekehrt, das Böse für gut halten? Die Art uyd Weise, wie man heute die Töchter erzieht, wird uns die soeben ausgesprochene Ansicht klar und deutlich darlegen. „Das gesammte Menschenleben hat eine innerliche und äußere Seite, und es kommt daraus an, beide im Einzelnen, wie im großen Ganzen im rechten Verhältnisse und Gleichgewichte zu erhallen. Alle Gesetzgeber, göttliche und menschliche, haben nach diesem Gleichgewichte gestrebt, und wo es verletzt worden, wo die äußerliche Seite des Lebens entschieden überwog, da hat das Menschendasein nicht blos an Tiefe mud Würde, sondern auch die Bedingungen verloren, unter welchen es seine höhere Bestimmung und Glück und Frieden wahren *) Das ist nun freilich von den Gegnern der Volksschule auch in diesem Jahre vielfach behauptet worden' genau genommen ists denn doch fast eine Blasphemie. Redaction. kann. Die innerliche Seite des Menschenlebens soll das Weib vertreten; es ist von Gott dazu bestimmt, die Grenzen des Lebens zu verengern, die Einkehr in sich selbst zu vermitteln und somit die Erinnerung an unsern. Ursprung und unser wahres Ziel stets auszufrischen. In dem Maße, in welchem das Weib dieser Bestimmung treu bleibt, erfüllt es seine Mission in der Geschichte und die Aufgabe der Erhaltung des inneren und äußeren Friedens! — Ob unsere höheren Bildungsanstalten fürs weibliche Geschlecht diesen Gesichtspunkt kennen und festhalten? — Man möchte es schon um deshalb bezweifeln, weil ihre Programme oft mehr die Welt, als die Familie berücksichtigen." — Das sind die Worte des Schulrathes Kellner, eines Mannes, der zu den tüchtigsten Pädagogen der Neuzeit zählt. Welcher Mensch, der über Erziehungsfragen schon ernstlich nachgedacht, wird nicht die von Kellner aufgeworfene Frage, „ob unsere höheren Bildungsanstalten fürs weibliche Geschlecht diesen Gesichtspunkt kennen und festhalten?" im Angesichte der jetzigen Zeitverhältnisse für ganz gerechtfertigt halten? Es ist äußerst nothwendig und löblich, daß man für einen großen Theil der Mädchen den Lehrstoff einer Volksschule nicht für ausreichend fand und die höheren Töchterschulen ins Leben rief. So gut für die Knaben die Bürger¬ und Realschulen, die Gymnasien als Fortsetzung der Volksschule gelten: dasselbe Recht macht auch der Fortschritt der Zeit für die Töchter geltend. An dieser Bildungsstätte drohen jedoch dem Erziehungsschifflein zwei Klippen, die oft schwer zu umschiffen sind, die aber umschifft werden müssen, soll das Schifflein nicht beschädigt werden oder gar sttanden. Es ist 1) die Aneignung von unnatürlichen, gekünstelten, schädlichen Eigenschaften und 2) die Ueberfüllung des Kopfes mit unnützen unpraktischen Kenntnissen. Verweilen wir bei genannten Punkten etwas länger. Es ist selbstverständlich, daß die höheren Töchterschulen meistens nur von Kindern solcher Eltern frequentirt sind, die mit den Mitteln, die ein besserer Unterricht nothwendig macht, nicht zu geizen haben. Oft schonen auch weniger bemittelte Eltern das größte Opfer nicht, wenn es gilt, ihre Kinder im Unterrichte weiter zu bringen. Aber was werden viele solcher Eltern nach kurzer Zeit wahrnehmen? Ihr Töchterchen, das sie als natürliches, einfach erzogenes Kind der Anstalt übergeben haben, wird ihnen als solches nicht wiedergegeben. Das Aeußere wird für die Kleinen von Bedeutung und sie fangen an demselben Aufmerksamkeit zu schenken. „Nichts ist natürlicher! sagt der schon oben citirte Schulrath Kellner. Amalie hat einen neuen Hut, Sophie ein Kleid mit zwei Falbeln erhalten, Jettchen trägt lange, schöne Zöpfe, um deretwillen sie überall bewundert wird, Mathilde hat immer die neuesten Kragenmuster, denn ihre Mutter ist auf den