Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Journal
- Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Volume
- 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 121)
- Language
- German
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Glaube und Ritus. 111 ser Lust handelt. — Weil Wahrheit darin ist; und durch die Wahrheit erkennen wir das Absolute, wir verzweifeln nicht. So ist es mit ehrlicher Liebe, ehrlicher Tat. Nur diese haben Geltung. In ihnen wird kraft der Wahrheit die andere,! die absolute Welt fühlbar. Daran kann man sich halten, das ist Gott. Ich glaube an das Geheimnis. — Man fürchtet sich vor dem Tode, als ob es ausgemacht und sicher wäre, dass nachher alles zu Ende ist. Dem müsste ein vollständig erklärtes^ in seine Bestandteile zerlegtes, gleichsam auf Rädern laufendes Leben entsprechen. So ist es aber nicht. Man denke, man fühle mit erwachter Seele die Geheimnisse eines Nervs, eines Kapillargefässes, einer Muskelfaser nach — und die Furcht vor dem Todesschlaf ist gemildert*). Das Geheimnis lässt sich auch daran erkennen, dass alles doch ganz anders eingerichtet ist und vor sich geht, als wir es uns mit blosser Vernunft a priori vorstellen würden. — Man kann sich an mancherlei Gleichnis klarmachen, wie unwirklich unser Klügeln ist. So z. B. an der Frage: wie würden wir die Sache machen, stellte man uns vor die Aufgabe, dem Geschöpfe Gottes namens „Mensch“ die Gabe der Sprache, der Lautbildung zu verleihen. Da es sich um eine gewisse Gleichmässigkeit, um die Reihe des Alphabets handelt, würden wir wahrscheinlich darauf verfallen, eine Art Klaviatur herzustellen, nach Art einer Schreibmaschine etwa. Die Lippen in Tasten eingeteilt, jedem Buchstaben entspräche eine Taste. — Das Werk des Geheimnisses hat nun, wie man sieht, mit dieser unserer Phantasie gar keine Verwandtschaft. Die Laute entstehen an allen möglichen Orten der Mundhöhle, an Gaumen, Zähnen usf., gewissermassen sind Zufallsmöglichkeiten dazu benützt, die schöne Ordnung, die wir uns ausgedacht haben, existiert nicht. Oder wenn man uns aufforderte, einen Stoff herzustellen, der möglichst viel aushielte, möglichst viel leistete und recht viele Jahre lang, — wir würden vielleicht auf Panzerplatten verfallen, auf stählerne Präzisionsuhrwerke, — nicht auf die weiche gallertartige Zelle, die menschlichen, tierischen, Pflanzenorganismus aufbaut, in der alles fluktuiert vor Stoffwechsel, alles Durchlauf, Unstarrheit ist und gerade auf diese Art Dauerhaftigkeit entsteht. Ja sogar noch Artefakte zeigen einen Abglanz des Geheimnisses, indem sie nicht der gemeinen Erwartung entsprechen. Luftfahrzeuge: das müssten doch eigentlich zart schwebende Vögel sein, weiche milde Gefiederapparate. Aber streng und energisch braust der Flugzeugmotor, voll von mörderischer Energie. Kein schwanenhafter Fittich: ein wahnsinnig *) Eine unerwartete Bestätigung dieser Ansicht fand ich in Schleichs Theorie von der Unsterblichkeit der Nuclein-Zellkerne,