Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Journal
- Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Volume
- 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 122)
- Language
- German
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112 Glaube und Ritus. um sich schlagendes System, spitz und stark, hartes Holz, durchdrungen von irdischem Gewicht, anzukurbeln mühsam, — und wenn es fährt, dieser stählern scharfe und doch basstiefe Klang, äusserste Anspannung, ungeduldiges Auspuffen des Automobils dazwischen. Hört man den Lärm von weitem, man würde ihn nie in die Luft versetzen; man denkt an Fabrik,. Schotter, staubige Landstrasse. Aber siehe, es kommt hoch oben im Blauen, es fliegt. Es könnte die Frage aufgeworfen werden, ob das eben Dargestellte noch irgendeinen Zusammenhang mit dem Judentum habe. Ob es nicht eine allzu „freie Religion“ darstelle. Mit andern Worten: ob nicht das offizielle Judentum genau so eine „gebundene Marschroute“ zur Seligkeit habe wie das dogmentreue Christentum. Dieses seinen Christus und jenes: die Sinai- Offenbarung, schriftliche und mündliche Ueberlieferung mit ihrer Fülle von Gebräuchen, Festen, Gebeten. Ich glaube aber, dass die Stellung Christi innerhalb des Christentums mit der Bedeutung der Riten im Judentum nicht vergleichbar ist. Christus gilt als unbedingtes Um und Auf der Seligkeit; die jüdischen Riten sind erleichternde Heilsmittel. Ihre Einhaltung ist befohlen, aber an die Unterlassung keines einzigen Ritus ist in derselben Art wie an den Christus- Unglauben ewige Verdammnis geknüpft. Die absolute unersetzbare Bedeutung Christi für den Christen findet im Judentum keine Analogie. — Und daran schliesst sich ein Zweites: die jüdischen Riten bilden (oder sollen bilden) eine lebendige Totalität, sie treten nicht als e in Fremdes an den Juden heran, das keinen andern Zusammenhang mit ihm hätte als den des Befehls, — nein, sie beziehen sich alle auf das Geheimnis der jüdischen Volksexistenz (deshalb rede ich hier von ihnen, wo ich das „Geheimnis“ als Glaubensinhalt behandle). Gleichgültig, ob man sie als Aeusserungen des jüdischen Volksinstinkts auffasst oder ob man in engerer Anlehnung an die Orthodoxie annimmt, Gott selbst habe sie bei der Offenbarung in einer Art geformt, die dem jüdischen Instinkt angepasst ist. Diese Frage kommt hier nicht in Betracht (abgesehen davon, dass bei einem grossen Teil der Normen ihre rabbinische Herkunft, also die Quelle des Volksinstinkts gar nicht streitig ist). Sondern das Wesentliche ist, dass die jüdischen Religionsformen durch das Medium des Volksgeistes auf geheimnisvolle Art mit dem einzelnen Juden kommunizieren, dass sie sich als ein Schöpferisches darstellen, an dem der Einzelne von Natur aus und nicht erst kraft historischen Wissens teilnimmt. Geheimnisvoll ist der Zusammenhang der Religionsformen mit dem Leben des jüdischen Volkes. — Man bemüht sich manchmal einen rationalen Zusammenhang zu konstruieren, so z. B. gewisse religiöse Vorschriften als „hygienische“ Massnahmen zu deuten. Das ist natürlich ein Irrweg. Der Zusam-