Mannheim
Compact Memory

Juedischer Almanach für Gross-Rumänien · 1922-01-01 · 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI · p. Seite 78

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
Volume
1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
Date
1922-01-01
Page
Seite 78 (sequence 86)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
96% known words query
IRI
…/7938572-9582826--087-9575431
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

78 Der Journalist. gelang. Die anderen kamen schon zu spät. Wer die reichere Erfindungsgabe hatte, der siegte eben. III. Und doch. Und dennoch. Und trotzdem: Der Journalist wird von der bürgerlichen Gesellschaft immer gefürchtet, zuweilen geehrt, aber selten geliebt. Eigentlich mag man ihn nicht: Man macht da feine Unterscheidungen in sozialer Beziehung. Ich hörte einmal einen Bürger mittleren Stapdes den Journalisten so klassifizieren: Er ist mehr, wie ein Doktor und weniger wie ein Kaufmann. Dieses Urteil ist nicht im Kopte eines tief denkenden Soziologen entstanden, aber es ist typisch. Dieses Urteil liegt im Wesen der bürgerlichen Gesellschaft. Sie verschliesst sich vor den Elementen, die ihr nicht homogen sind. Die Gesellschaft ist ein konservatives, auf dem Prinzipe der Nützlichkeit aufgebautes Gebilde. Ihre Stärke liegi im Einhalten des Mittelmasses in allen geistigen, ethischen und sozialen Dingen. Ihr Grundsatz ist: Ruhe in der Bewegung. Der Journalist ist ein Störer dieser Ruhe. Er ist ein Ausbrecher. Sein Prinzip ist: Bewegung in der Ruhe. Er ist indiskret, vorlaut und immer dabei. Das Immerdabeisein ist in der Tat eine üble Sache. Es gibt Dinge, bei denen man nicht sein soll. Und im Tun und Lassen der Gesellschaft gibt es schon gar solche Dinge, bei denen man nicht Zeuge sein soll. Ich habe gefunden, dass sich in vielen Köpfen eine eigene Auffassung vom Wesen des Journalisten eingenistet hat. Die primitivste Aeusserung einer geringschätzigen Charakteristik kommt vielfach in der Meinung zum Ausdruck, als ob der Journalist nur dazu da wäre, Neuigkeiten zu bieten. „Was gibt es Neues?“, fragt der Bürger und glaubt seine ganze Beziehung zur allgemeinen kosmischen Problemstellung erschöpft zu haben. „Ich habe für Sie eine Neuigkeit!“, raunt einer wichtigtuend und glaubt das Geheimnis des Universums zu offenbaren. Das gesteigerte Bewusstsein von der Wichtigkeit des Neuigkeitengebens und des Neuigkeitennehmens wäre ja anzuerkennen, wenn es nicht eine so bodenlose Verkennung der wahren Mission des Journalisten verriete. Zu dieser Mission gehört auch das umsichtige Führen des Lesers durch die Wirrungen und Windungen der Ereignisse des Tages. Nicht selten passierte es mir, dass ein treuer Leser mir über eiine aktuelle Frage in beredter Ueberzeugung seine Gedanken vermittelte, die ich ihm wenige Stunden vorher vorgedacht und vorgeschrieben habe. Ich durfte mich im stillen darüber ergötzen, ohne mich als deren Urheber zu bekennen. Denn der Journalist bleibt anonym. Er hat die Genugtuung, täglich unjd stündlich die Reflexe seiner Ideen in prägsamer Form zu beobachten. Für einen Batzen täglich setzt er eine Summe von Gedanken, Beobachtungen und kritischen Betrachtungen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.