Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Journal
- Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Volume
- 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 85)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Journalist. fühl seelischen Behagens und wohltuende Heiterkeit. Es ist eine unheimliche Kraft in ihnen, die Unheil zu stiften oder auch zu verhüten vermag. Es gibt Beispiele in der Geschichte und - im Leben von dem elementaren Beben, das Journalisten mit ihrer täglichen Arbeit hervorrufen. Schreiben ist aber auch eine Kunst. Der allzeit treue Leser ahnt nicht im entferntesten, welche geistige Regsamkeit, welche sublime Gehirnfunktion erforderlich ist, um einen Artikel so zu schreiben, dass er ihn mit wachsamem Interesse, mit gleitender Leichtigkeit lesen kann, ohne durch Unebenheiten in der Führung des Gedankenganges und in der Diktion des Stiles im raschen Ertassen des Geschriebenen gehemmt zu sein. Gustav Flaubert, bitte, Flaubert, konnte, als er seinen Roman „Madame Bovary“ schrieb, manchmal Stunden nach einem passenden Ausdruck suchen. Und er kam zu dem Ergebnis: „Man muss ein Genie sein, um ein passendes Adjektiv zu finden.“ Und Erfindungsgabe muss der Journalist haben. Nicht etwa, um Ereignisse zu erfinden. Die bietet ihm das Leben in reicher Fülle. Aber er muss findig sein in der Ueberwindung der Hindernisse, die sich gerade feindselig zusammenballen, wenn er in äusserster Spannung die brennende Wissgier der aufhorchenden Leser löschen wilL Ich hörte einmal von einem englischen Journalisten erzählen: ln einer der grössten Volkshallen Londons fand eine wichtige Volksversammlung statt, aut deren Ergebnis ganz England gespannt wartete. Der Saal war dicht gefüllt und hermetisch geschlossen. Der Reporter wollte, musste als Erster den Saal verlassen, um seine Zeitung, die eine halbe Stunde später zu erscheinen hatte, über die Annahme einer wichtigen Resolution zu informieren, ln diesem brausenden- Menschenmeer konnte kein Lebender sich Gehör verschaffen. Ein Lebender nicht, wohl aber ein Toter, dachte der Journalist und starb. Es war natürlich ein Scheintod. Die Umstehenden traten ehrfürchtig zurück. Platz dem Toten! Man hob ihn auf die Schultern und trug ihn aus dem Saale. Draussen angelangt, erwachte der Journalist, entwand sich den Händen seiner Träger. „Danke, meine Herren, begraben müssen Sie mich nicht, sonst kann meine Zeitung Ihre Beschlüsse nicht veröffentlichen.“ Sprachs und verschwand. Eine halbe Stunde später wusste ganz London, was vor wenigen Minuten noch tiefstes Geheimnis war. Ein amerikanischer Journalist kam aut folgenden Einfall: Er wollte als erster das Urteil in dem berühmten Prozesse Humbert seiner Zeitung kabeln. Dazu war es nötig, sich das Telephon zu sichern. Er ging hin und begann die Bibel zu blasen. „Aber was sprechen Sie denn da? Das ist doch die Bibel“, dröhnte es ihm in die Ohren. „Tut nichts, schreiben Sie nur. Bis wir zur Sintflut kommen, haben wifauch schon das Urteil über die Humbert. Ich muss das Telephon besetzt halten, sonst bekomme ich keine Verbindung mehr“. Der Streich