Mannheim
Compact Memory

Juedischer Almanach für Gross-Rumänien · 1922-01-01 · 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI · p. Seite 76

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
Volume
1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
Date
1922-01-01
Page
Seite 76 (sequence 84)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/7938572-9582826--085-9575429
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

76 Der Journalist. zu unterdrücken, die moralische Anfechtbarkeit des Journalisten heranzieht. Denn der Journalist ist nichts anderes als der Künder und Bannerträger jener Lebensideale, die gerade die geistigen und materiellen Errungenschaften derer repräsentieren, die sie in vollen Zügen gemessen. Man hat im grossen Weltkriege vielfach die Journalisten gescholten. Man hat sie mit leidenschaftlichem Hass bedacht und geschmäht. Mit Unrecht. Sie waren ja in moralische Zwangsjacken gesteckt. Sie durften ja nicht der Stimme ihres Gewissens folgen. Sie wurden vor die Wahl gestellt: Die Wahrheit, oder den Geist autzugeben. Vielfach waren sie dazu verurteilt» beides zu opfern. Wenn sie sich aber nicht immer entschlossen konnten, nur den Geist aufzugeben, geschah es aus der brennenden Ueberzeugung, dass die Wahrheit dadurch noch immer nicht gerettet sein würde. Immer aber standen sie unter dem unerbittlichen Diktum der Exponenten jener Gesellschaft, die zur Erhaltung ihrer eigenen Macht und zur Glorifizierung ihrer entgötterten Helden nicht nur totbringende Stahlwaffen, sondern auch wahrheitsmähende Stahlfedern benötigte. Dies ist keine Apologie. Es ist eine Beichte. Aber nicht, um eine Absolution zu erlangen. Denn es ist töricht zu glauben, dass ein Mensch dem anderen mit der tröstenden Verheissung einer überirdischen Gnade die nagende Pein eines drückenden Schuldbewusstseins weg wischen kann. Talent, Talent ist das Geheimnis aller Erfolge. Talent ist Ethik, ist Kraft. Das ist auch beim Journalisten das einzig gütige Credo. II. Glaubt mir, Schreiben ist eine Tat. Schreiben ist Schatten. Schreiben setzt Denken und Empfinden voraus. Und Denken und Empfinden sind die Vorläufer jeder Tat. In Zeiten geistiger Not, in Zeiten politischer Bedrängnis, in Zeiten demokratisierter Tyrannei, in Zeiten wie unsere, wo die Wahrheit verpönt ist und die ganze sogenannte Moral Bankerott angesagt hat, in Zeiten, wo der leiseste Versuch des Einzelnen, das Leben nach dem inneren Gesetze einer latenten sittlichen Kraft zu gestalten, durch die brutale Macht einer gott- und gewissenlosen Maffia niedergehalten wird, die im Namen einer bis zur Entseelung gehetzten Phrase von Vaterland, Humanität, Kultur und Staatsinteresse die edelsten Kräfte des Volkes zu schnödem, orgiastischem Selbstgeniessen missbraucht — in solchen Zeiten ist das Schreiben sogar eine heroische Tat. Ich sehe die fast greifbare Wirkung einer Notiz. Ich fühle das mächtige Aufwallen einer schlummernden Energie. Es gibt kleine Notizen und Bemerkungen, die, von einem fühlenden Herzen inspiriert, in das abgestumpfte Gewissen dringen und es mächtig bewegen. Sie regen an, rütteln auf, heissen, atomisieren und zwingen zur Aktivität. Wiederum andere erzeugen das Ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.