Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Journal
- Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Volume
- 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 83)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Der Journalist. 75 es unterbrechen. Ein Journalist muss es schreiben. Er verfolgt nicht die Ereignisse. Die Ereignisse verfolgen ihn. Er erspäht ihre durch äussere Ursachen gelösten Zusammenhänge und verbindet sie. Er hebt die starre Linie der räumlichen Begrenzungen auf und formt aus dem zu ihm dringenden Echo der Ereignisse ein gedankliches Gebilde, das in der Realität der Dinge seine Krönung findet. Jeder Mensch hat intuitive Fähigkeiten. Die wenigsten sind sich ihrer bewusst. Der Journalist muss sie kennen. Sonst ist er keiner. Der Journalist hat einen sechsten Sinn. Den Aktualitätssinn. Er muss das Gesetz des Tages erkennen. Er muss von der pulsierenden Lebendigkeit des Augenblicks durchdrungen sein. Ein Ereignis, mag es noch so unscheinbar auftreten, kann das Symbol, den Kern, oder die Lösung eines Problemes in sich schliessen, zu dem der Journalist den Schlüssel finden muss. Newton sieht einen Apfel vom Baume fallen und das grosse Naturgesetz von der Gravitation wird ihm offenbar. Auf andere Menschen können ganze Aepfelbäume niedersausen, ohne dass sie dadurch in mehr als äussere Erregung geraten. Der Journalist hört einen Ton aus der internationalen Völkersymphonie und erkennt daraus das Gebot des Tages. Er sieht das spannende Kräftespiel im eigenen Lande und erkennt daraus die sich allmählich auslösende Wirkung, deren Verkünder er wird. Er überschaut, sichtet und ordnet die kleinen Alltäglichkeiten, die sich in winzigen Lebensäusserungen aus der Fülle der widerstreitenden Interessen abheben. Es entsteht die engbegrenzte, an die Oertlichkeit gebundene Chronik. Hier nimmt er leidenschaftlichen Anteil an dem heldischen Ringen der einzelnen Menschen und der Gesamtheit. Er trauert mit den Leidtragenden, ist froh mit den Fröhlichen. Er feiert die Gefeierten, er reist, rennt, wettet, siegt, fällt, erhebt sich wieder, handelt, jagt, richtet, urteilt, eifert an und entmutigt, lobt, tadelt und ist gleichsam Form und Inhalt, Beweger und Bewegung der Dinge. So erfüllt er nach einem inneren Gesetze die kontinuierlich wiederkehrende Erneuerung des Tages, in dem er, dem kategorischen Imperativ der flüchtigen Gegenwart gehorchend, sein Werk vollendet, um es in perpetueller Wiederkehr zu beginnen. I. „Gott vernichtet nicht den Menschen, wenn er den Propheten schafft“. Sicher. Muss er auch nicht. Das überlässt er den Menschen. Nicht aus Mangel an Bescheidenheit ziehe ich diesen Vergleich heran, sondern aus Erkenntnis. Wenn Gott den Journalisten schafft, vernichtet ihn sicher die Gesellschaft. Es ist eine der schwersten Lügen unserer Gesellschaft, wenn sie zur Bemäntelung ihres ausgeprägten Hanges, die ethischen Elemente in ihrer regsamen, expansiven Tendenz.