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Juedischer Almanach für Gross-Rumänien · 1922-01-01 · 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI · p. Seite 72

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Journal
Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
Volume
1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
Date
1922-01-01
Page
Seite 72 (sequence 80)
Language
German
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IRI
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72 Herzl’s Mutier. wachenden Genie die Familie, wenn mit Flammenglut die grosse Aufgabe seines Daseins aufblitzt?! Wieviel Opfermut und wieviel Selbstentäusserung bewies die jüdische Mutter, als sie der ganzen Familie zum Trotz sich an die Seite des Sohnes stellte und ihn in stiller Demut dem ganzen Volke überliess?! Wie musste das Mutterherz zittern, als sie im Antlitz des Sohnes immer tiefere Furchen von Kummer und Sorge gewahrte?! Wie krampfhaft musste es sie schmerzen, als sie die brandende Welle von Hass und Verleumdung gewahrte, die den Sohn von allen Seiten umbrausten? Doch wie musste ihr Mutterstolz schwellen, als sie ihren Sohn nach einigen Jahren schmerzlichsten Ringens erblickte?! Erhaben und von blendender Männlichkeit, umgeben von einem Jubel erwachender Millionen und wie ein Fürst gebietend über die erlesenste Schar des modernen Judentums ... Im Jahre 1903. In dem grossen Saal überflutet eine erwartungsvolle Menge. In festlichem Gewände, voll glühender Begeisterung, sitzt Jung und Alt aus aller Herren Länder und über dem Meer von Köpfen schwirrt ein Gesumme von Ausrufen und Jubelbezeugungen. Plötzlich erstarrt alles in stummer Erwartung, als auf der Rednertribüne Herzls Gestalt sichtbar wird. Im Kongress. Er spricht. Er, der anerkannte Führer und Meister spricht zu seinen Getreuen. Blass, erhaben und mit dem stolzen Blick eines geborenen Herrschers steht er auf der Tribüne und spricht langsam, jedes Wort wägend und jede Erregung zähmend. Seine laute Stimme schlängelt sich im Saale wie ein sprudelnder Quell zwischen harten Felsen. Sie kost und glättet, klagt und dröhnt, tröstet und richtet. Triumph und Sieg! Dringt ins Herz wie ein Balsam und sticht wie ein Messerstich, Triumph und Sieg! Doch plötzlich schnellt ein Wald von Köpfen wild empor. Eine Gruppe von Menschen löst sich von der Menge und stürzt los zur Tribüne. Man vernimmt ein Gewirr von wütenden Schreien und Flüchen. Alles ruft, überstürzt sich, drängt sich vor. Uganda. — Palästina. — Sein oder Nichtsein, das ist die Frage, die wie mit Peitschenhieben die Menge gegen den Führer treibt. Der Sturm wächst, indessen wilde Schreie dröhnen durch den ganzen Saal bis weit hinauf zu den dichtgefüllten Gallerien und aus dem Gewirr heiserer, unverständlicher Laute steigt ein Ruf, der wie die schrecklichste Anklage von Jahrhunderten dröhnt: „Verräter“!! Die treue Mutter sitzt in einer der Sesselreihen und kann sich nicht fassen. Gebeugt, halb gebrochen starrt sie mit wirren Augen i*n die schäumende Menge und Thränen würgen sie im Halse. Sie will aufstehen, doch die Menge staut sich von allen Seiten. Sie will schreien, ihrem Sohne zu Hilfe eilen, doch

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