Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Journal
- Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Volume
- 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 79)
- Language
- German
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Herzl’s Mutter. 7t boten langen nun an die Mutter zärtliche Briefe ein. „Liebe, gute Mama“, lautet der ständige Aufakt. „Es umarmt Dich Dein Dich zärtlich liebender Theodor“ ist der stete Schluss. Eine Idylle ... Bis der Mutter eines Tages eine Broschüre des Sohnes zugepflogen kommt. Der Inhalt ist merkwürdig und der Titel rätselhaft. „Der Juden Staat“. Und hiezu ein Brief mit Aufklärungen. Mit kleinen, krausen Schriftzügen, die Hast und Erregung verraten. Kurze Sätze, abgerissene Worte. Man spürt ein dumpfes Grollen, das in ein gewaltiges Dröhnen einer durch jähe Erlebnisse erschütterten Seele übergeht. „Meine liebe, gute Mama“. Doch' die Mutter bemüht sich vergebens, die plötzliche Wandlung ihres Dori zu begreifen. Das verwöhnte Söhnchen verwandelt sich mit einem Ruck in den überlebensgrossen Sohn eines ganzen Volkes und in die tändelnde Leichtigkeit eines Lebenskünstlers bricht mit einem tosenden Echo von Schmerz und Jubel die Unruhe von Jahrhunderten ein. Tausend Gefühle und Gedanken prallen aneinander und sprengen beinahe den zähen Widerstand einer ringenden Seele. Es ist die schmerzlichste Wehestunde eines neuen Judentypus. Der saloppe Globetrotter und der schalkhafte Schulderer des „Palais Bourbon“ stieg plötzlich1 in den Abgrund der Judenseele herab und ein Ruf vom „Judenstaat“ erscholl in tausendfachem Wiederhall. Es tönten ihm Stimmen entgegen voll Anerkennung oder voll wütenden Hasses; die einen lächelten erhaben, die anderen waren voll innigen Mitgefühles. Als über alle Stimmen sich1 ein mächtiger Ruf erhob von Hundert Getreuen: „Werde unser Führer!“ „Meine gute, liebe Mama.“ — Es langen merkwürdige, kaum verständliche Briefe ein. Bis es zu einem offenen Familienzwist kommt. Die Gattin spart nicht mit Vorwürfen über den neuen Lebenswandel des Mannes, der voll Unruh und Hast ist, und der Vater sieht sich plötzlich in seinen Hoffnungen auf eine glänzende Laufbahn seines Sohnes enttäuscht. Nur eine bleibt ihm treu. Die Mutter! Sie versteht nicht die neuen Wege ihres Sohnes, doch sie glaubt an ihn unerschütterlich. Er will so, und sein Wille ist edel und gut. Mit dem göttlichen Spürsinn des Weibes durchschaut sie die Seele ihres Sohnes und mit der unendlichen Güte einer Mutter beginnt sie seinen tiefsten Schmerz zu begreifen. Sie stellt sich an seine Seite. Tröstet und bestärkt ihn in seinem Vorhaben, ermuntert ihn und wagt sich gar mit Ratschlägen heran. Die liebkosenden Mutterhände bemühen sich, den unendlichen Schmerz einer Dichterseele zu lindern, da in sie plötzlich mit überflutenden Wellen die Tragik eines gaanzen Volkes hereinbricht. Das ewige Lied. Der Sohn und der Ehemann sprengen die Fessel gemütlichen Familienlebens. Denn, was gilt einem er-