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Juedischer Almanach für Gross-Rumänien · 1922-01-01 · 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI · p. Seite 73

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Journal
Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
Volume
1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
Date
1922-01-01
Page
Seite 73 (sequence 81)
Language
German
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IRI
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Herzl’s Mutter. 73 ihre schwache Greisenstimme erstirbt, bevor sie sich der Kehle entringt. „Dori, mein lieber, guter Dori“, flüstert sie nur wie geistesabwesend und ringt sich langsam zur Tribüne hin. Er jedoch steht noch immer vor der wehenden, weissblauen Standarte — mit erhobenem Haupte — stolz, aufrecht, mit einem traumverlorenen Blick, wie ein steingewordenes Gewissen, umbrandet vom Tränenmeer eines ganzen Volkes. .. Eine Weile später schon sitzt bei ihm die Mutter. Herzl liegt fiebernd in einem Nebensaal und kalte Umschläge kühlen seine schweratmende Brust. „Mein lieber, guter Dori“ — flüstert die Mutter. Der Puls ist unregelmässig, das Herz schwach, — die Aerzte schütteln ernsthaft den Kopf. In Edlach. . . Eine dumpfe Sommerschwüle erfüllt das Krankenzimmer und der durchdringende Kampfergeruch legt sich mit erstickender Glut auf die Brust. Im dämmernden Dum kel herabgelassener Vorhänge tummeln sich die Aerzte und flüstern geheimnisvoll. Im Bett, dem Fenster gegenüber, liegt der Kranke mit halbgeschlossenen Augen und wälzt sich unruhig, geschüttelt von Fieber und Hustenanfällen. Seine Augenlider sind geschwollen und vom blassen Gesicht hebt sich der tiefschwarze Bart ab, in dem der grauliche Anflug umso deutlicher zum Vorschein kommt. Auf der Stirn perlen grosse Schweisstropfen und jede Weile fährt der ganze Körper auf, ringt nach Luft und der Kranke hustet trocken, stossweise. Die Aerzte wachen Tag und Nacht. Zur Herzschwäche gesellt sich eine Lungenentzündung hinzu. Mit künstlichen Einspritzungen versucht man, das erlöschende Leben zu verlängern. Der Kranke speit Blut und verlangt viel, viel Luft. „Luft!“... „Luft!“... lispeln ersterbende Lippen. Jemand hebt die Gardine, öffnet das Fenster und ein gleissender Lichtstrom dringt in das Zimmer. Luft!... Luft!... In schillernder Pracht entfaltet sich draussen der Farbenreichtum einer blühenden Gebirgsgegend. In hellen Flammen geht gerade die Sonne unter und wie eine brennende Kugel sprüht sie einen Bogen von roten und violetten Funken. Allmählich kriecht die Dämmerung in das lichtdurchflutete Krankenzimmer und von den schneebedeckten Alpengipfeln erhebt sich ein leise klagender Abendwind ... Der Kranke fleht mit einer leisen Stimme: „Mutter — Mutter — werde ich dich noch sehen?“... „Bald kommt sie“, — beruhigen ihn die Wärter und trocknen seine schweisstriefende Stirn. Der Kranke aber wird immer unruhiger. „Ad loca! Ad loca!“ — ruft er plötzlich im Fieber. Von Zeit zu Zeit speit er Blut, öffnet langsam die Lider und sagt mit totmüder Resignation: „Mein Blut, ich dachte nicht, dass

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