Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Journal
- Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Volume
- 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 78)
- Language
- German
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70 Herzl’s Mutier. gerichtet zu sein scheinen und nur das Tatsächliche im Fluge erfassen. Man erkennt den Realisten mit Leib und Seele. Als gerades Gegenteil erscheint dessen Gattin. Alles an ihr ist weich und verschwommen. Lange Haarzöpfe umschlingen ein längliches Gesichtchen und schmiegen sich in starken Strähnen bis an den Nacken. Und zwei stille, verträumte Rehaugen strömen unendliche Güte eines in Liebe aufgehenden Weibes aus. Es sind unvergessliche Frauenaugen, halb stolz abweisend, halb von Trauer umflort; in die Weite schweifend und doch so^ menschlich nahe, dass einem beim ersten Blick das süsseste Mysterium der Mutterschaft entgegendämmert. Jeanette H e r z 1 — früher Nancy Diamant. Ein guter und stolzer Engel, so nannte man sie allgemein.. Ihre mädchenhafte Anmut nahm im Fluge gefangen und eine frühreife Klugheit versetzte so manchen in Staunen. Und all die guten Eigenschaften mündeten letzten Endes in die unendliche Quelle ewiger Weiblichkeit: Die Mutterschaft. . . An dieses liebliche Elternpaar schmiegen sich mit ernster, f^st scheuer Geberde zwei Kinder. Die kleine Poldi sitzt in kurzem Kleidchen mit ihren rundlichen Glutaugen und daneben steht der Dori. Ein seelenvolles Bubenantlitz mit einem frühreifen Ernst entschwindender Kindheit. Er schaut mit einem feuchten, traumverlorenen Blick in die Welt, wie ein aufgescheuchtes Reh, das am Rande eines Felsens in die unendliche Weite starrt. . . Ruhe und Friede. Ein Glück im Winkel. Zufrieden, lieblich, beinahe spiessbürgerlich. Alles eher als der Nährboden eines genialen Umstürzlers. . . Ein Menschenalter später. Der Mann verkrachte sein Vermögen im Börsespiel, die einzige Tochter wurde in blühendem Alter von Krankheit dahingerafft und so gruben sich in das zartweiche Antlitz der Mutter immer tiefere Furchen von Kummer und Sorge. Bis die ganze Glut mütterlicher Liebe und schmerzlichster Erlebnisse im einzigen Sohne zusammenschmolzen. Theodor ward die letzte Hoffnung der Mutter. Er trug knallfarbige Burschenkappen und sang „Die Wacht am Rhein“. Und sog in tiefen Zügen den betäubenden Duft schäumender Lebenslust ein. Doch als der erwachende Schaffensdrang des Dichters mit jähem Anprall den jugendlichen Uebermut aufzuwühlen begann, da entstanden die ersten Werke. Bezeichnenderweise Dramen. Erste Anzeichen frühreifer Lebensklugheit. Er begann zu schreiben als Gerichtspraktikant in Salzburg und holte sich in der Wiener Burg seine ersten Lorbeeren- Ein vielversprechender Jüngling. Dann kam die Reise nach Italien, Deutschland und Spanien Die vorschriftsmässigen Lehr- und Wanderjahre. Comme il faut. Und endlich die Landung in Paris. Wie gute Trost-