Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Journal
- Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Volume
- 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 76)
- Language
- German
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68 Der Anteil der Juden am Wirlsdiaftsleben in der Bukowina. so konnten sich nur jene Industrien entwickeln, welche mit der Fabrikation von Nahrungsmitteln und Baumaterialien sich beschäftigen, wie Mühlen, Ziegeleien und Kachelöfenfabriken. Die grösste Dampfmühle, die sogenannte Schlossmannsehe, ist eine Gründung Breslauer Juden, die im Laufe der Zeit an einheimische Juden übergangen ist. Die anderen grossen Mühlen, ebenso die Ziegeleien und Gerbereien sind in den Händen der Juden. Nach dem Kriege entstanden infolge der Verkehrsschwierigkeiten und der verschiedenen gesetzlichen Einschränkungen kleinere Eisen verarbeitende Industriezweige, Möbelfabriken, Schuhfabriken, welcher jüdischer Unternehmungsgeist geschaffen hat. Der Handel lag in unserem Lande seit jeher fast ausschliesslich in jüdischen Händen. Der Dorfgreisler ebenso wie der Engrosist, der Vieh- und Getreideexporteur waren Juden. Die offenen Läden in allen Städten des Landes waren jüdischer Besitzstand. Jüdische Kaufmannschaft hat seit Jahrzehnten alle Waren ins Land gebracht, die sowohl der Städter als auch der Landbewohner benötigten. Vor 60 Jahren fuhr der jüdische Kaufmann im Planwagen, allen Gefahren trotzend, zu den Messen nach Wien, Leipzig und Breslau. Diese Verhältnisse wiederholen sich jetzt, trotz des uns mit der Welt verbindenden Eisenbahnstranges muss der Kaufmann wieder persönlich hinaus, um die Waren mit viel Mühe zu beschaffen und ins Land zu bringen. Noch grösser als unser Anteil an Handel, Industrie und Landwirtschaft ist unser Anteil am Gewerbe und Handwerk. Die Beteiligung der Juden am Handwerke in der Bukowina wird vielleicht unsere Gegner verstummen lassen, die behaupten möchten, dass wir die manuelle körperliche Arbeit scheuen. Ich muss hervorheben, dass der Jude in manches Handwerk nur nach vieler Mühe und Ueberwindung unendlicher Schwierigkeiten hineingelangen konnte. Das Handwerk lag bis Mitte der 80er Jahre in den Händen der Polen oder aus dem Westen eingewanderten Deutschen. Die Polen haben aus angeborenem Antisemitismus keine jüdischen Lehrlinge aufgenommen. Vor 30 Jahren gab es hier zu Lande noch keinen jüdischen Schlosser. Das Schlossergewerbe in Cernäuti ist heute beinahe ganz in jüdischen Händen, das Schuster- und Schneidergewerbe zum grössten Teile, das Klempfnergewerbe zur Gänze. Die Zahl der Handwerke, die den Juden, hauptsächlich aus den oben angeführten Gründen noch verschlossen sind, ist gering. Aber auch heute gibt es keine jüdischen Wagner, Bronzearbeiter, Huf- und Nagelschmiede. Diese kleine Skizze sollte nur in grossen Zügen beleuchten, was jüdischer Unternehmungsgeist, Fleiss, Ausdauer im