Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Journal
- Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Volume
- 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 67)
- Language
- German
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Das ewige Martyrium. 61 In jener Stunde empfand ich, dass auch dies eine hehre Mission wäre: Menschen hinzuschicken, die keine andere Aufgabe haben sollen, als anzuhören, still und geduldig anzuhören und jenen Unglücklichen dazu zu verhelfen, dass sie sich endlich — endlich — „vom Herzen reden“ können. IV. Reizeh Lewin. K o w e 1, August 1921. In einer jener gewaltig stillen Nächte war es, als ich von dieser Unglaublichen erfuhr. In den unerträglich heissen Julitagen half mir Dr. Zechnowicz aus Kowel bei der Arbeit und nach mühevollen Tagen und durchfahrenen Nächten gingen wir eben von der Besichtigung des „Bades“ in Melnice zum professoral aussehenden „Apotheker“, der die Waisenfürsorge des Joint innehatte. Dort hörte ich „den Buben schicken wir zu Reizeh“ und dann sprach aut einmal alles von Reizeh. Und als wir die mitternächtige Chaussee nach Holodia fuhren, wo uns die Fuhrleute die Stelle zeigten, an der gestern nachts ein Bauer erschossen wmrde, erzählte mir mein Begleiter von Reizeh Lewin. Schon bald nach Kriegsausbruch hat dieses junge Mädchen in Kowel eine Kinder- und Waisenfürsorge auf eigene Faust unternommen. Und heute hat sie bereits eine stattliche Anzahl „ihrer Kinder“, die sie betreut, wie wrohl die liebevollste Mutter nicht besser betreuen könnte. Reizeh ist keine derWohltätigkeitshyänen der Vorkriegszeit und keine Fürsorge-Mode- Dame, wie sie die Kriegszeit zur Plage der Menschheit so mannigfaltig erzeugt hat. Sie ist einfach Reizeh, Reizeh, die nicht leben kann, wenn Kinder leiden, deren einziges Glück es ist, auf Kinderlippen ein Lachen, in Kinderaugen ein Leuchten zu zaubern. Und so hat sie für alle, die sie betreut, die passende Art, eine Welt von Glück zu schaffen. Und ihre Kinder sind verschiedenen Alters. Manche schon halb erwachsen unter ihrer Obsorge und verdienen schon ein Stück Geld. Mit der Frau Doktor Zechhowicz ist die Seele des kleinen Waisenhauses in Kowel, wo alles sich ihrer entgegensehnt, wenn sie ihre Besuche bei den Kindern macht, die sie privat untergebracht hat. Und als ich darum nächsten Tages in Kowel eine Sichtung der Kinder vornehme und mich erkundige, welche wohl ins Ausland zur Erziehung gehen möchten, erlebe ich es, dass* viele, trotzdem eine Auslandsreise ihr wonnigsterTraum gewesen sein mochte, sich stürmisch an sie hängen und thränenfeuchten Blicks erklären, sie gehen von Reizeh nicht wreg. Und glaubet nicht, dass Reizeh es leicht hat. Ihre Familie zürnt ihr, dass sie all’ die Jahre nicht an sich selber denkt, dass sie, während