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Juedischer Almanach für Gross-Rumänien · 1922-01-01 · 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI · p. Seite 60

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Journal
Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
Volume
1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
Date
1922-01-01
Page
Seite 60 (sequence 66)
Language
German
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IRI
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60 Däs ewige Martyrium, faltet sich eine interessante Lebensgeschichte, häuft sich ein Berg von Dokumenten. Ich rede kein Wort und werde fortwährend gebeten, ihn nicht zu unterbrechen. Er ist jetzt Staatsbürger eines neuen Ententestaates. Eigentlich ist er Christ, aber nur pro forma, nur im Pass, um ausreisen zu können. Eigentlich ist er Jude geblieben. Er ist Hofrat, echter russischer Hofrat, medicinae Doktor. Er beherrscht 8 Sprachen und besitzt 8 Kinder. Nun will er mit dem Waisentransport nach' Argentinien. Ich soll ihm dazu verhelfen. Er ist voll zitriger Angst, voller Zweifel und voller Nervosität. Schliesslich kommt er in meisterhaft abgeführtem Monolog zum Beschlüsse, dass er meiner. doch nicht bedarf. Doch es tut ihm nicht leid, dass er mir eine Stunde geraubt hat, er verzeiht es mir in echt russischjüdischer Gemütlichkeit. Beim Abschied bittet er mich noch, ich solle nur bei Professor N. in Wien nachfragen, ob er sich noch an den bedeutenden Hofrat erinnert. Er ist überzeugt, dass dies mein erster Weg sein wird. * * Als Vorspiel Wolhynischer Ereignisse habe ich die Lemberger Flüchtlingsheime besucht. In mancher Synagoge 80 bis 100 Menschen, jung und alt, Männer und Frauen, zusammengepfercht. Nach einer schrecklichen Fahrt über Brody und Dubno, auf der im achtsitzigen Abteil 22 Menschen standen, landen wir in Rowno und nach zweistündiger Suche öffnet sich uns vor Tagesgrauen „Hotel Handlowy“. Zwar auch alle Zimmer belegt, aber der Wirt kriecht aus dem Bett und bietet es mir an, während er mir in aller Ausführlichkeit erzählt, wie die Bolschewiken ihn ausgeplündert haben. Weil ich schon meinen kleinen Typhus im Leibe verspüre, wickle ich meinen Shawl um den Kopf und erwache erst, als ein Doktor, der sich später als Feldscher entpuppt, mir mitteilt, er konstatiere aus seinen ausgezeichneten „dai+schischen“ Thermometer eine„Budjenowka“. Das ist ein leichter Typhus, den Budjenis Kosaken dort heimisch gemacht haben. Am Nachmittag tagt in meinem Zimmer eine Sitzung der Vertreter der Heimlosen und nächsten Tages steht vor. mir, als ich die Augen auftue, ein bärtiger Jud mit verwitterten Zügen und meint, als der Wirt aut meine Krankheit hinweist, gutmütig: „macht nichts, der Doktor muss ja nicht reden.“ Er erzählt mir von Russland, das er unendlich liebt, von Bolschewiken, von Banden, Tschereswitschaika, Rewkom, von Flucht, von einem Anzug, den er um 280.000 Rubel verkauft, von der Tochter, die er unter wegs verloren hat, und von vielen Dingen, die in meiner Fieberphantasie wilde Tänze aufführen. Wie aus weiter Feme höre ich noch: „Entschuldigt, ich wollte mir nur vom Herzen reden“ ....

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