Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Journal
- Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Volume
- 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 61)
- Language
- German
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55 Das ewige Martyrium. Milten im Reiche der Zerstörung leben zehntausende von Pogromwaisen. Mannigfaltig sind die Versuche einer Fürsorge, an Ort und Stelle und durch Wegführung in Länder, wo diese unschuldigen Opfer der grössten Kulturschande wieder atmen können.... Wichne Oiventeil. L u b o m 1, Vorfrühling 1921. Ein kleines Städtchen im Kowler Kreis, im Rayon der Balachowicz-Pogrome, dieses Russengenerals, der Banditen zu einer Armee formiert hatte, die er mit jüdischem Gut bezahlte. Nicht weit von den pogromierten Orten Schatzk, Kremno, Lubachin und Kamin-Kaschirsk liegt diese hölzerne Stadt. Den ungeheuer grossen Marktplatz durchwatet man in tiefem Morast. Beherrscht wird die Stadt von einer monumentalen Synagoge in Stein, — dem Geschenk eines — polnischen Grafen. Vor jedem Häuschen ein Schüsselchen mit Heringen. Jud und Jüdin tragen — Füsse von Viehstücken in Händen, in den Häusern spricht man von „Füssen" von Kalb und Kuh. Damit handelt man — so lebt man. Der „Iswostschik“, ein Leiterwagen mit abgemagertem Gäulchen, führt mich um 200 Mark zum jungen russischen Doktor, der die medizinische Abteilung des „Amerikanerkomitees" leitet. Mütter sind hier und bitten ihn zu ihren Kindern, denn hier wie überall ist der böse Gast eingekehrt — Typhus. Die „Feldscheritze", die Gehilfin des Doktors, kommt mir kurzhaarig entgegen, kurzhaarig, wie so viele Frauen und Mädchen hier nach ausgestandenem Typhus. Wir gehen zum Vizevorsitzenden des Komitees, bei dem sich; auch der Sekretär aufhält. Das Bureau ist in seiner Tasche: Tinte, Papier und Feder. Der alte Aron Schöntop verteilt gerade 50 Mark pro Kopf an die Heimlosen und erzählt mir eigenes und fremdes Leid. Er zeigt mir eine Liste von 123 Toten, die er beerdigen Hess, von einem halben bis 88 Jahren. Bald füllt sich seine gute Stube, in die ich zu Nacht verbeten bin. Man hat gehört, dass ein „Amerikaner" angekommen ist. Hier ist jeder Fremde ein Amerika- Tier Gering, nur zu gering ist die Hilfe, die man bringt. Da bringt mir der Alte ein kleines Mädchen, die Repräsentantin einer Kremnoer Familie. In zerrissenen Leineschühen, in fadenscheinigem Kleidchen steht das Kind vor mir. Die langen Brauen beschatten ein mageres Gesichtchen und sie wird erst zutraulich1, wenn man zu ihr mit verhaltener Stimme spricht und ein verwunderter Blick dieser wunderbaren braunen Kinderaugen trifft voll den Fremden, der ihr Köpfchen streichelt und