Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Journal
- Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Volume
- 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 56)
- Language
- German
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- IRI
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50 Ich bin Jude.* Im August 1917 hat die österreichische Regierung meine Befreiung aus der russischen Gefangenschaft im Wege des Austausches durchgesetzt. Bis zur Erledigung der Formalitäten hätte ich in Petersburg im Arreste sitzen müssen. Aber die dänische Gesandtschaft, welche die Vertretung der österr. und ungarischen Staatsangehörigen übernommen hatte, gewährte mir ein Asyl in der ehemaligen österr.-ungarischen Botschaft. Ich wurde als Gast der Gesandtschaft behandelt. Mein Tischnachbar war einige Tage lang ein dänischer Kapitän. Es kam die Rede auf Gabriele d’Anunzio, der damals viel von sich reden gemacht hat. Der Kapitän neigte sich zu mir und sagte halb flüsternd: „Wissen Sie, man sagt er sei Jude“, Schon möglich“, antwortete ich, „die Juden haben überall aut allen Gebieten bedeutende Männer hervorgebracht“ und ich nannte ihm eine ganze Reihe hervorragender Juden ,nicht zuletzt die Brüder Brandes in Dänemark. Der Kapitän bemerkte darauf: „Wie gut Sie informiert sind!“ „Gewiss,“ — replizierte ich — „warum sollte ich denn nicht, ich selber bin Jude“. Ich hatte sofort den Eindruck, dass etwas zwischen uns entzwei gerissen war. Das Gespräch ebbte rasch ab und am nächsten Tage war mein Tischnachbar ein anderer. Auf der Heimreise von Russland Ende August 1917 fuhr ich auf der Strecke Haparanda-Stockholm im dicht besetzten Zug in internationaler Gesellschaft. Mein Gegenüber war ein amerikanischer Offizier. Er sprach deutsch, wie Menschen englischer Zunge deutsch sprechen. Er hatte ein freies offenes Wesen und gefiel mir recht gut. Ein Gespräch war bald im Gange. Er erzählte mir vom Kriege und ich ihm von meinen Erlebnissen, von meiner Verschleppung nach Sibirien, von Land und Leuten und ich merkte, dass er einiges Interesse hatte für die Juden in Russland, Obwohl er ganz und gar nicht das Aussehen eines Juden hatte, dachte ich, vielleicht sei er doch' ein Jude. Ihn darnach fragen? Du lieber Gott, ich hatte schon so viele Erfahrungen in diesen Dingen und ich hatte Bedenken, ihn so unmittelbar zu fragen, ob er Jude sei. Dass ein Jude überhaupt solche Bedenken hat, ist ein kleines Erbstück aus dem Ghetto. Aber es ist einmal so. Und ich fing an, es zu machen, wie ein Diplomat. In weitem Bogen näherte ich mich der kitzlichen Frage: Wie lange seine Familie in Amerika lebe, aus welchem Lande seinen Ahnen eingewandert wären usw. — nach der bekannten ostjüdischen Art. Aber seine Antworten waren nicht ganz klar und ich merkte eine gewisse Zurückhaltung. Hingegen fragte er mich, woher ich stamme, welchen Beruf ich ausübe, ob ich Verwandte in Amerika habe. Schliesslich begann es in mir zu dämmern, dass am Ende gar mein Amerikaner in weitem Bogen mich ausholen will, dass er den Verdacht habe, ich sei