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Juedischer Almanach für Gross-Rumänien · 1922-01-01 · 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI · p. Seite 49

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Journal
Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
Volume
1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
Date
1922-01-01
Page
Seite 49 (sequence 55)
Language
German
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IRI
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„Ich bin Jude." 49 ne. Ich war aus der Mitte meiner Familie gerissen worden und in der denkbar schlechtesten Stimmung. Ein russischer Unteroffizier zeigte tiefes Mitleid mit meinem Jammer. Er traktierte mich mit Tee. Welcher Religion bist Du? fragte er mich. Ich bin Jude, gab ich zur Antwort. Da merkte ich, dass dieser russische Soldat etwas in sich überwinden musste, bevor er mir antwortete. „Niczewo“, sagte er. Dies Wort ist nicht übersetzbar. Der russische Mensch findet auf alle Fragen, die das Leben an ihn stellt eine Antwort: Niczewo. Mir hat der Russe offenbar sagen wollen: Es macht nichts, dass Du Jude bist, Du kannst ja nichts dafür. In Russland wird man oft nach seinem religiösen Bekenntnis gefragt und immer hat meine Antwort erkältend auf den Frager gewirkt. Aber immer nur für eine kleine Weile. Der Russe ist gutmütig und freundlich. Juni 1915. In Parabel am Ufer des Ob im Tomsker Gouvernement. Heisse Tage und kühle Nächte. Um 10 Uhr geht die Sonne unter. Abend- und Morgendämmerung schwimmen ineinander. Wer im hohen Norden gelebt hat, kennt den Zauber dieser hellen, weissen Nächte. Eines Frühmorgens brachte ein Flussdampfer eine ganze Menge neuer Opfer des Grossfürst Nikolaiewicz’schen Wahnwitzes. An meinem Fenster vorüber schleppte sich mit einem Rucksacke auf dem Rücken ein gebrochener Greis, lang, mager, elend. Er sucht ein Quartier. Ich lade ihn ein, vorläufig bei mir der Ruhe zu pflegen. Gross war mein Mitleid mit dem armen Manne. Verschickte haben Verständnis für das Leid ihrer Schicksalsgenossen. Wer war der Fremde? Ein deutscher Baron T. aus Riga. Ich bin zwar ein Demokrat, aber für mich hört der Mensch beim Baron nicht auf. Ein oder zwei Tage später kam das Gespräch auf die Juden. Ich wusste, dass der baltisch-deutsche Baron einige böse Bemerkungen über die Juden machen wird. Aber ich habe es mir abgewöhnt, jeden für einen Schurken zu halten, der die Juden nicht mag. Zur Liebe kann man niemanden zwingen. In manchen Ländern, namentlich in Ost-Europa werden die christlichen Kinder sehr oft schon in der Religionsstunde mit Vorurteilen gegen die Juden erfüllt. Ich wollte nun meinen Gast vor der Verlegenheit bewahren, hinterher zu erfahren, dass er mich seinen Gastgeber gekränkt hat. Als er nun mit einer Miene des Abscheues die Bemerkung machte: „Es sind hier viele Juden“, antwortete ich einfach: „Ja, Herr Baron, auch ich bin Jude“. Er war überrascht und es schien, das er mich schlecht verstanden zu haben glaubte. „Wirklich, Sie sind Israelit?“ fragte er. „Ja, antwortete ich, „ich bin Jude“. Der Baron sagte kein Wort mehr, trank seinen Tee zu Ende, empfahl sich höflich, aber sein Fuss betrat nicht mehr meine Schwalle. 4

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