Mannheim
Compact Memory

Juedischer Almanach für Gross-Rumänien · 1922-01-01 · 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI · p. Seite 48

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
Volume
1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
Date
1922-01-01
Page
Seite 48 (sequence 54)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
98% known words query
IRI
…/7938572-9582826--055-9575399
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Dr. Mayer Ebner, Czernowitz. „Ich bin Jude/' Etliche Male in meinem Leben kam ich in die Lage, die drei schlichten Worte zu sagen: „Ich bin Jude“. Wie das gekommen ist und welche Wirkung mein Bekenntnis zum Judentum gehabt hat, ich will es erzählen. August 1897. Auf der Reise zum I. Kongress nach Basel zwischen Salzburg und Innsbruck. Unterwegs bemühte ich mich, unter meinen Reisegenossen Juden zu entdecken. Ich wollte mich gar so gern mitteilen, war doch meine Seele voll von dem, was ich in Basel erleben sollte. Aber Salzburg — Innsbruck ist nicht Lemberg — Krakau. Ich liess den gelben Umschlag der HerzPschen Wochenschrift „Die Welt“ sehen in der Erwartung, der Jude unter den Mitreisenden werde auf diesen Köder anbeissen und sich zu erkennen geben, aber es schien, dass niemand Interesse hatte an meiner Welt. Mein Gegenüber war sicherlich kein Jude und für ein Gespräch nicht leicht zu haben. Norddeutscher, einige Zierschmisse verraten den deutschen Burschenschafter. Wir sprachen über das Studentenleben an den deutschen Universitäten und er zeigte grosses Interesse für die deutsche Universität meiner Heimat. Ich erzählte ihm vom Studenten wesen an der deutschen Universität in Czernowitz und nannte ihm den Namen der von mir und einigen Gleichgesinnten im Jahre 1891 gegründeten akademischen Verbindung „Hasmonaea“. Was dieser Name bedeute, fragte er. I^h antwortete: Es ist der Name eines Fürstengeschlechtes, welches noch vor Christi Geburt in Palästina regiert hat. Er: „Was hat eine deutsche Burschenschaft mit Palästina zu tun?“ Ich: „Die Hasmonaea ist keine deutsche, sondern eine jüdische Verbindung, und ich, ich bin Jude“. Ich’ sagte dies einfach, ohne Emphase und ohne Demonstration, sowie man auf eine Frage eine selbstverständliche Antwort gibt. Mein vis-ä-vis schaute mich gross an und ^agte weiter kein Wort. Das Gespräch brach jäh ab. Auf der Fahrt nach Basel erfuhr ich so zum ersten Mal, dass es nicht so einfach ist, als Jude durch die Welt zu gehen. Ich war damals noch jung. Ich habe in einem jüdischen Milieu gelebt. Die Reise nach Basel war mein erster Ausflug in die Welt. 17 Jahre später. Dezember 1914 schickten mich die Russen während der zweiten Okkupation von Czernowitz als Geisel nach Sibirien. Unterwegs übernachtete ich in einer Kaser-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.