Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Journal
- Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Volume
- 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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Tagebuch einer Palästinafahrt. 43 — von der Unendlichkeit des Ozeans vermag ich nicht vi'el zu empfinden. Das Meer ist hier noch ruhiger. Das leichte Gekräusel ist verschwunden und die Oberfläche wellt sich in grossen Falten wie schwerer Samt. Die Sonne strahlt unerbittlich Energien, aber die leichte Brise mildert ihre Wirkung. Am Schiffsrand (ich habe von meiner Jugendlektüre her das Gefühl, man müsste „reeling“ sagen — „reeling“ kann aber auch was ganz anderes heissen) — am Schiffsrand also sitzen zwei Burschen, Chaluzim offenbar, und lesen. Ich trete näher und höre: der eine liest hebräisch eine Biographie von Spinoza und übersetzt und erklärt dem anderen das Gelesene auf jidisch — dabei stellt sich heraus, dass „der“ andere „Bursch“ ein Mädchen mit kurz geschorenem Haar ist, eine Chaluzah, seine Braut ersichtlich — das sind unsere Arbeiter und Arbeiterinnen. Dr. W., dem ich das erzählte, meinte zwar, ob nicht Spinoza schädlich für Erdarbeit sei — aber ich bin von der Ueberzeugung durchdrungen, dass der verwüstete Boden des heiligen Landes zu neuem Leben nur erweckt werden kann v(fn einem Arbeitergeschlechte, das Spinoza liest (es muss natürlich nicht gerade Spinoza sein —- es soll sogar, nach Holitscher, Chaluzim geben, die Freud lesen; aber ich hoffe, dass auch dies nicht schadet). Gestern nachmittag gab es eine Theatervorstellung, von Kindern ausgeführt. Auf dem rückwärtigen Holzstoss war ein königlicher Saal aufgetan, mit Strohmatten als Wänden und einem farbenprächtigen bessarabischen Teppich zu Füssen. Auf einem Klappsessel sass der König in eine rote Toga gehüllt und sprach ein tadelloses hebräisch. Auch eine weinende Mutter erschien, vorzüglich dargestellt von einem zehnjährigen Mädchen, die schliesslich mit einer Geberde, die unwiderstehlich wirken musste, die Arme gen Himmel streckte. Nachher sangen sie hebräische und auch jüdische L.ieder. Ich sandte der Schauspielerin meine letzte Tafel „Velma Suchard“ und sie verkündete dies öffentlich dem versammelten Volke. Am Abend hatten die Chaluzim ein Meeting mit Reden, Toasten und Gesang. Ich sass hoch oben auf der Tackelung (?) und sah nach allen Seiten über die nun schwarze Meeresfläche, unter mir das Schiff mit seinen Lichtern, dem Gesang, Scherzen, Lachen, über mir den gestirnten Himmel . . . das Schiff schien zu ruhen, keine Bewegung war zu spüren, aber doch näherte es sich unaufhaltsam jenem Lande, das die Sehnsucht .a ll dieser Menschen wrar. . . eine Sehnsucht, die bald ihre Erfüllung finden wird, denn eben während ich schreibe, sehe ich bereits die Küste von Haifa und den Karmel und den Libanon und Haifa selbst und Boote und wir sind da . . .