Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Journal
- Juedischer Almanach für Gross-Rumänien
- Volume
- 1. Jahrgang = 1922/23 Exemplar LBI
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 32)
- Language
- German
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28 Mykola. die Fenster juckten. Man rief Mykola und die züchtige junge Frau bemerkte wie von ungefähr, dass es doch jammerschade um die grosse Kerze wäre ,die man am nächsten Samstag wieder verwenden könnte. Mykola verstand, verlöschte die Kerze, zündete die Hängelampe an, die das ganze Haus laghell beleuchtete und verschwand. Und nun kommt erst die Geschichte vom schwarzen Sabbath!— Mykola wurde beleidigt und er diktierte der ganzen Gemeinde eine furchtbar drakonische Strafe? Er verkündete den Generalstreik für einen Sabbath. Wie ein Nero zog er an diesem Tage durch die Strassen von Repczynce und blickte hohnlachend auf die hilflos frierende und hungernde Gemeinde ,die nur durch seine Güte hätte selig werden können' Alle eingeleiteten Verhandlungen schlugen fehl ,scheiterten an dem starren quos ego! des Tyrannen, der in Ermangelung eines Streikbrechers Herr der Situation blieb und erst am späten Nachmittag durch Liebkosungen sich erweichen liess, den Streik als beendet zu erklären. * * * Seither sind zwei Jahrzehnte verstrichen und als ich wieder nach Repczynce kam und meine Lieblingserinnerungen auffrischte, fehlte mir ein teures Haupt; ich frug natürlich gleich nach Mykola .Denkt euch nun die Katastrophe: Mykola ist wahnsinnig geworden! Kurz und trocken berichtete man mir den Hergang der Tragödie. Mykola hat plötzlich den Verstand verloren: eines Tages stürzte er in die Synagoge, riss mit Wut die heilige Lade auf, packte die Thorarolle auf den Rücken und trug sie zum Pfarrer. Ganz Repczynce war in hellem Aufruhr, Männer, Frauen, Kinder stürzten auf die Gassen, weinten und eilten dem Wahnsinnigen nach. „Mykola“, jammerten sie, „warum entweihst du unser Heiligstes, du meschugener Hund?“ Doch Mykola schlug blind wütend um sich und brüllte, dass es allen in die Ohrren gellte: „Ich — ein meschugener Hund? — nein, ihr, ihr seid wahnsinnig!“ und war seither nicht mehr zu sehen. Mir wollte es nicht einleuchten: Mykola wahnsinnig? Dieser unverwüstliche Mann in seiner ruhigen Art soll plötzlich einen Tobsuchtsanfall bekommen haben? Da muss etwas dazwischen liegen .Ich beschloss, ihn aufzusuchen und fand ihn in seiner Klause, gealtert schon ,aber nicht gebrochen — und nichts verriet an ihm von geistiger Umnachtung. Und er rekapitulierte mir in merkwürdiger Frische die Geschichte der letzten Dezennien ,wie sein Metier mit der Zeit immer tiefer gesunken, die Schar seiner Kommitenten immer sichtlicher zusammenschmolz und schliesslich ein ungeheueres Missverhältnis zwischen Nachfrage und Angebot entstand.