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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 52 (1886) · p. Seite 199

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
52 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 199 (sequence 3)
Language
German
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— 199 — Noch immer weilte ich bei dem Rabbi und seinem Sohne, als ich plötzlich durch ein, auf der Straße führendes Gespräch aufmerksam gemäht wurde, dem ich lauschte. Zwei junge Männer sprachen lebhaft mit einander, indem sie langsam die öde Straße hinabschritten. Sie waren eben aus einer Gesellschaft gekommen. Die feinen Lackstiefel knirschten im Schnee und einer der jungen Leute hielt ein kleines Bouquet in der Hand. — „Was sagst Du nur Anton," sagte Assessor H. zu seinem Freunde, indem er mißmuthig den kleinen Strauß auf die Erde warf, „ist es nicht eine Lächerlichkeit von Madame M-, uns zu Ehren einen Weihnachtsbaum anzuzünden? Sie hofft dadurch, sich den Anstrich einer gebildeten, sreidenkenden Dame zu geben, ladet sich eine Gesellschaft ein, um zu zeigen, daß sie, die Semitin vom reinsten Wasser, ihrem Glauben untreu wird. Es macht doch einen zu komischen Eindruck, wenn man die von Brillanten strotzende Frau des Parvenü's mit den gebildeten Töchtern und den blasirt scheinenden Söhnen, die einmal Staatsstellungen einnehmen sollen, beobachtet. Ekelhaft ist dieses Gebühren, diese zuvorkommende Liebenswürdigkeit, diese Zudringlichkeit. Ich hasse sie immer mehr und mehr, diese Juden." „Man muß sie haben," sagte resignirt der andere. „Am Abend macht man den Damen zweideutige Complimente, an andern Morgen pumpt man den Vater an und trinkt mit dem Sohn seinen Schoppen, den man sich in aller Freundschaft selbstverständlich bezahlen läßt. Sie machen sich eine Ehre aus unserm Kommen und wir ersparen ein Soups. Man muß praktisch sein, wenn man arm ist, nnd der Rehbraten schmeckt ebenso ki Gevatter „Knoblauch ', als in unserm Restaurant." So unterhielten sich die jungen Leute, während Banquier M. mit Frau und Kindern in einem der leergewordenen Salons saßen. „Ach, seufzte die kleine, dicke Dame und wischte sich mit einem seinen Spitzentuch die nasse Stirn, Gott sei Dank, daß die Gesellschaft vorüber ist, man hat als Wirthin doch zu viel Pflichten. Reden werden sie noch lange von unserer Gesellschaft," setzte sie wohlgefällig lächelnd ihre Rede fort, „so schön, . so reich war es noch nirgends gewesen. Wie erstaunt waren alle, als der Baum hereingebracht wurde es war doch eine zu gute Idee. Haben wir doch nun auch Chanukka gefeiert." „Mama, wie kannst Du nur die Taktlosigkeit begehen und dem Assessor sagen, daß wir ein Fest haben, von dem ich nichts weiß. Wie ich mich heute blamirt habe," ries die Tochter gekränkt aus. „Er bat mich um Aufklärung und ich konnte nichts sagen. Wie peinlich war das, Du allein hast Schuld daran. Warum hast Du uns mit den religiösen Festen und Bräuchen nicht bekannt gemacht, warum hast Du uns nicht die Bedeutung derselben gesagt? Nun Hab' ich mir eine solche Blöße geben müssen." ^pßer Gott, jetzt machst Du mir noch Vorwürfe," schrie Mutter dazwischen, „laß ich Dir nicht genug Stunden geben, kostet es denn nicht genug Geld. Ich opfere alles, damit Du eine gediegene Erziehung erhältst." „Regt Euch nicht unnütz auf," fiel der junge Mann ein, und setzte nachlässig seinen Kneifer aus, den er mit großer Sorgfalt vorher geputzt hatte, „das sind Bagatellen. Mama wird es doch einmal nicht lassen, sie kann doch nicht anders sein, als jüdisch, soviel Mühe 'man sich auch giebt, es ihr abzugewöhnea." „Du hast Recht, stimmte die zärtliche Tochter bei. Gute Nacht, oüor papa, chere maman, hoffentlich ist diesmal die letzte Unvorsichtigkeit geschehen. Tröstet Euch, der Assessor vergißt es gewiß." — Die netten Kinder verließen hiermit das Zimmer. Der Vater aber holte rasch den Chanukkaleuchter herbei und zündete die Lichter, während die Mutter bitterlich weinte. Beide fühlten sich recht, recht unglücklich, sie dursten nur heimlich die Gesetze halten, den alten Gewohnheiten treu bleiben, denn sie fürchteten den Spott und Hohn ihrer gebildeten, aufgeklärten Kinder. Arme beklagenswerthe Eltern. Lange saßen sie stumm bei einander und starrten auf die kleinen Lichtchen. Dann sagte der Mann: „Es ist doch zu schwer, mit der Zeit mitzugehen und tolerant zu sein." Ich entfernte mich, denn der junge Tag kam im Osten herauf und sollte bald an meine Stelle treten. Gerne hätte ich ihnen zugerufen: „Höret mich, Ihr Verblendeten, Ihr Leichtsinnigen, Ihr Traurigen und Unglücklichen, Ihr Reichen und Ihr Armen! Zündet die Lichter und erinnert Euch des Volkes, aus dem ihr stammt. Wollet nichts anderes sein als Juden, als edle, rechtlichdenkende und bescheidene Menschen, dann werdet Ihr glücklich sein. Tretet nicht heraus aus Euren Kreisen, suchet nicht das Glück außen zu finden, sondern findet es i n Euch, in dem Bewußtsein treuerfüllter Pflicht und wahren Glaubens. Dann werden Euch die Lichter, die Ihr zündet zur Freude, zum Glück, zur Ermuthigung und zum Tröste leuchten." — Sprach's und verschwand. Zur Geschichte der Familie Rothschild. Das Londoner Journal „Jewish World" brachte jüngst eine Mittheilnng über die Herkunft des Namens „Rothschild", welche von einem mit der Sache augenscheinlich mehr bekannten Correspondenten der „Times" einen kleinen Commentar erfährt. Derselbe bemerkt, daß der Nachweis über die Abstammung und Geschichte der großen Rothschild'schen Familie mit Sicherheit nicht weiter als auf Amschel Moses Rothschild, welcher 1754 starb, zurückgeführt werden kann. Unzweifelhaft muß dieser ein für seine Zeit angesehener Mann gewesen sein, da er in eine der ältesten Familien in Frankfurt, Namens Lechnich, heirathete, ein Name, welcher schon 1868 in den bürgerlichen Urkunden in Verbindung mit finanziellen Angelegenhe ten des Gemeinwesens gebracht wird, wie aus Schudt's „Jüdischen Merkwürdigkeiten" (Seite 18 des Anfangs) hervorgeht. Amschel Moses war der Vater von Meyer Amschel Rothschild (geboren 1743, gestorben 1812), dem Gründer des Bankhauses in Frankfurt. Weiter ist nicht viel mehr von seinem Leben nnd seinem Wirken bekannt. Als die Judengasse am 14. Januar 1711 bis auf den Grund niederbrannte, wurden die meisten öffentlich n und amtlichen Urkunden. wie Gebnrrs- und Sterberegister rc., zerstreut und uns diesem Grunde ist nicht viel mehr vorhanden, was von der Zeit vor der Fenersbrunst Kenntniß geben könnte, ausgenommen das Melnor-Buch und die Grabsteine auf dem alten Friedhofe, welcher bereits im 13. Jahrhundert bestand und dessen älteste Grabsteine die Jahreszahl 1272 tragen, wie vr. Horwitz in seinem „Frankfurter Rabbiner" (Heft 1. u. II.) nachweist. Im Jahre 1632, zur Zeit des dreißigjährigen Krieges, wurde von dem, der Frankfurt zu jener Zeit okknpirt hatte, den Juden eine Steuer auferlegt, resp. sie wurde zur Hälfte der römisch katholischen Geistlichkeit, zur Hälfte den Juden auferlegt. Isaak den Elchanan Rothschild, der an der Spitze einer der fünf Gruppen der Inden stand. welche die Steuer zahlten, starb nach dem Memorbnch i. 1.1651. Isaak und sein Vater mögen möglicherweise die Voreltern der Familie gewesen sein, die die früheste Nachricht von einer Persönlichkeit dieses Namens um etwa 1560 erweisen, wenn wir annehmen, daß Elchanan Rothschild bei seinem Tode ein ältlicher Mann gewesen sein muß, da er zu den Aeltesten und Vorstehern der Gemeinde zählte. Dr. Levhsohn, welcher in seinem Besuche„Nafschaus Zadikim" (1855) den Grabstein des Rabbi Menachem Mendel Rothschild, welcher 1732 in Worms starb, beschreibt, giebt an, daß dieser in gerader Linie ein Nachkomme von Isaak Rothschild war, des Vorvaters von, wie wohl anzunehmen ist, zwei Rvthschild'schen Zweigen. Boas Raphael Rothschild war ebenfalls ein Nachkomme nnd er veröffentlichte das Werk „Ani belew jom", (Fürth 1766.) Wenn er von seiner Familie spricht, bemerkt er in Bezug auf Isaak Rothschild: „Migesa hajichus umidaus ascher meaulom ansche haschem" zu deutsch: „Abstammend aus bevorzugter Familie, welche Eigenschaften 'besitzt, die sie von jeher zu ruhmreichen Männern machte", woraus klar ersichtlich ist, daß die Rothschild'sche Familie be-

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