Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 52 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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198 J[. Weiter ging ich und sah in ein hellerleuchtetes Stübchen hinein, in welchem ein junger Mann stand, der ein blühendes Mädchen im Arme hielt. Sie war seit heute sein liebes, liebes Weib geworden. Jahrelang hatten sich beide bemüht und geplagt, fremden Leuten gedient, um so viel zu erringen, damit sie sich ein Heim gründen konnten. So wie die Vögel ihr Nest sich banten, so hatten auch sie Stück für Stück zusammengetragen. Lange, lange hatte es gedauert, unverdrossen hatten sie gearbeitet, jetzt standen sie am Ziel. Schmuck und sauber war's im Stübchen. Zum ersten Mal brannten die Chanukkalichtchen. Doch traurig, traurig sah der Mann auf die weinende Frau, die sich fest an ihn klammerte. Am Hochzeitstage Thrünen des Kummers? Ja, das böse Papier auf dem Tische machte sie fließen. — Es war ein Ausweisungsbefehl für ihn. Fort mußten sie, ihr mühsam gespartes Gut verkaufen und hinausziehen, fremd in die Fremde. Ich sah sie weinen, sah, wie die junge Frau mit Wehmuth die Lichter betrachtete, die stets ihre Freude gewesen waren, die sie an ihre Jugend, an ihre Eltern und Geschwister erinnerten. Ich leuchtete in das Stübchen, sie bemerkte mich und sagte zu ihrem Manne: „Sieh, derselbe Mond wird uns auch draußen leuchten ans dem großen Weltmeere und in unserer neuen Heimath, der bleibt ja immer derselbe. So wird auch Gott mit uns sein und uns ebenso dort helfen, wie hier." So sprach sie. Gerührt und erfreut darüber küßten meine bleichen Strahlen ihre Augen, die in Thränen leuchteten, ihr aber küßte ihr Wangen und Mund. Es giebt ein Glück, das kein Gesetz, keine Macht der Welt zerstören kann. —■-— — — —- - te sollten die Heimath verlassen, hatten sie denn eine Heimath? Schon seit Jahrtausenden geleitete ich das Volk, erlebte ihre wechselnden Schicksale, sah, wie sie gekämpft und gerungen hatten, ein kleiner Haufe gegen mächtige Reiche, die rasch emporblühten, deren Siege zahlreich waren, die einige Zeit die Weltherrschaft an sich rissen und dann untergingen. Alle hatten sie das kleine Völkchen unterdrückt, gepeinigt und beinahe ausgerottet. Schon in alter Zeit waren es die Aegypter, die Assyrer, Babylonier, Griechen und Römer. Was für schreckliche Verfolgungen erlitten die Juden unter muha- .medanischer und christlicher Herrschaft. Wie grausam wüthete die Inquisition in Spanien, wie blutig wurden ne in Deurchland verfolgt, da die Pest, „der schwarze Tod," Tausenden dos Leben kostete. Wo sie hinkamen, wohin sie ihr müdes Haupt legen wollten, wurden sie verhöhnt, verspottet und getödtet. Was hielt eigentlich die kleine Menge aufrecht, was stärkte ihr Bewußtsein, was ließ sie stark sein und festhalten an den Gesetzen der Väter. Sie waren zerstreut in alle Welt und hatten keine Heimath, und doch waren und sind sie eins. Sie sind es durch den Glauben. Der hohe, ideale Grundsatz auf dem ihre Religion beruht, der Glaube an beit einig einzigen Gott, das Streben nach geistiger Vervollkommnung hatte sie schon früh hochgestellt. Die wahre Frömmigkeit, das Gottvertrauen stützte sie. Nicht durch die Menge ihrer Anhänger, sondern durch die geistige Macht errangen sie sich Siege. Endlich hatten sie sich einen würdigen Platz in der menschlichen Gesellschaft erobert. Männer, ausgezeichnet durch wahre Bildung, echte Humanität und tiefe Gelehrsamkeit waren aus der Mitte der Juden hervor gegangen, die sie nach außen hin vertraten, die ihnen den Weg ebneten und sie als gleichberechtigte Mitglie-, der einführten. Sie konnten Tbeil nehmen an den Bestrebungen der Völker, in deren Mitte sie lebten. O, möchten sie sich im Glücke so treu bewähren, wie sie sich groß und standhaft im Unglück und Elend gezeigt hatten.-— — III. So denkend bewegte ich mich rascher vorwärts. Viele helle Fenster, viele lachende, fröhliche Gesichter sah ich, doch ich mußte eilen. Vielen sollten noch heute meine Strahlen zum Trost und zur Ermunterung dienen. Meinen Freund, den alten Rabbi, dem ich stets ein Weilchen am Abend zusehe, wie er über den Talmud gebückt dasitzt und eifrig lernt, vermisse ich schon seit einigen Tagen. Ich sah in sein Studirstübchen, alles dunkel. — Nebenan in feinem Schlafzimmer brannten die kleinen Chanukkalichtchen in einem altsilbernen Behälter. Er selber lag krank und schwach im Bette. Seufzend legte er das Buch weg, in welchem er gelesen hatte, und sann nach. Ach, er war müde, todtmüde der arme Greis. In seiner Jugend hatte er Noth und Entbehrung gelitten, um seinem Studium treu zu beiden. Nach unsäglichen Mühen gelang es ihm. Eine kleine Gemeinde nahm ihn als Seelensorger auf. Hier arbeitete, hier sorgte er für sein treues Weib, für seine unmündigen Kinder. Sie sollten alle lernen und etwas werden, das war sein Streben. Er entbehrte alles, um es für ihre Ausbildung zu verwerthen. Anfangs schien es, als würde der Herr sein Werk segnen. Zwei seiner Söhne nahmen ehrenvolle Stellungen als Aerzte ein. Sie waren, der Stolz des Vaters. Da kam der Krieg und er mußte sie ziehen lassen. Was er da gelitten hatte, sein Muth, sein Gottvertrauen schwankte, denn rasch nach einander trafen die Anzeigen ein, die ihren Tod meldeten. Sie ruhten in feindlicher Erde, von Feinden getödtet, geschmückt mit dem eisernen Kreuz. — Die Mutter konnte der Kinder Tod nicht überleben, sie folgte ihnen, und er blieb allein mit einem einzigen Sohn. Der Sohn war sein Glück. Auch von ihm trennte er sich, um seine Psticht zu thun und ihn lernen zu lassen. Während die beiden Andern auch draußen so gehandelt hatten, wie es recht war und nie den Glauben ihrer Väter verleugnet hatten, war der Jüngste leichtfertiger in seinen Ansichten und bewegte sich in Kreisen, deren Mitglieder die äußeren Formen der Religion für veraltet hielten und sie verspotteten. Der Greis sah es, er war ein rechter Vater und konnte in der Seele seines Kindes lesen. Oft hatte er ihn zurechtgewiesen, doch erfolglos. Heute soll e er kommen. Er fühlte, daß er sterben müsse und wollte noch einmal den Sohn sehen^. den er abgöttisch liebte. Der Sohn hatte seine Assessorexamen bestanden und saß mit seinen Freunden beim fröhlichen Abendschmaus, als ihm die Nachricht von seinem Vater überbracht wurde. Er eilte zu ihm. — Hell und licht wurde das Zimmer, als der junge Mann eintrat. Die Augen d^s Greises leuchteten und mit schwacher Stimme lud er den Sohn ein, sich zu ihm zu setzen. „Mein Sohn sagte er, indem er die zitternden Hände auf den Scheitel des jungen Mannes legte, ich segne Dich und erstehe vom ewigen Vater alles Glück und alle Wonne für Dich herab. Mögest Du mit allen Erden- und Himmelsgütern gesegnet sein. Doch nur dann, wenn Du dem Glauben Deiner Väter treu bleibst, für den sie gekämpft und gerungen haben. Höre mich und bleibe fest, dann wird mein Segen sich erfüllen, er wird jedoch zum Fluche, wenn Dein Herz andere Wege wandelt. Versprich mir, Jude zu sein im wahren Sinne 'des Wortes, innerlich und äußerlich, gestählt durch wahren Glauben und echtes Gottvertrauen. Der Sohn legte die Hand^ in des Vaters Rechte und gelobte ihm, sein Wort zu halt^W Mit fast brechender Stimme rief der Greis: „Höre Israel! der Ewige ist ein einig-einziger Gott." Der Sohn vereinte sein Bekenntniß mit dem des Vaters voller Inbrunst und tiefem Gefühls. Als das letzte Wort verhallt war, sank der Greis zurück und war todt. — Das Seelenlicht des Vaters war erloschen, um von Neuem im Herzen seines Sohnes aufzustammen. --—--—