Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 51 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 198 „Bist Du es auch wirklich?" ries sie unter Schluchzen, „und so lange sahen wir uns und eilten einander nicht in die Arme? Aber nun lasse ich Dich nicht mehr fort, Geliebter, nun lasse ich Dich nicht mehr fort!" und glühende Küsse schlossen ihm den Mund. M „Erna," sagte Joseph, „ich mußte meinen Namen in der Revolutionszeit ändern, da nannte ich mich Jose, die Abkürzung von Joseph, aber für Dich, mein süßes Lieb, bin ich Joseph Walter, der Dich so sehnlichst und vergebens gesucht hat. Erinnerst Du Dich jenes Abends, da ich plötzlich aufstand, weißt Du, warum ich Dich bat, mir das Lied noch einmal vorzutragen?" ,Jch weiß Alles," sagte Erna liebkosend, „nun möchte ich vergehen vor Freude, daß ich Dich gefunden habe. Du wußtest nicht, welchen Schmerz Du mir bereitet hattest, als Du damals kalt von mir schiedest, daß Karl des Vaters Sturz bewirkte und daß ich aus Liebe zu Dir Herrn Emanuel den Rücken kehrte." „Ich weiß Alles, mein Leben," sagte Joseph; „aber laß die Vergangenheit begraben sein, laß uns jetzt erst leben und lieben." Joseph umschlang seine geliebte Erna und bat sie, doch noch einmal das Lied vorzutragen, das sie wieder zusammenführte, und leise, leise erklang das Lied: . „Der Abend senkte leine Flügel." Als der Refrain verklungen war: „O bleibt Euch treu!" da jubelte Erna auf. Sie schlang ihre weichen Arme um Joseph's Nacken und küßte ihn herzlich. „Weißt Du, Geliebter, wir müssen nun heim, deun Frau Rosen wird schon aus uns warten. Doch Frau Rosen hatte heimlich gelauscht, alles gesehen und gehört und war befriedigt davon gegangen. Jetzt aber kam sie dem glückstrahlenden Paare lächelnd entgegen und sagte zum Professor: „Nun kommt auch die Frau Professorin in unser Haus, nicht wahr? ' Erna küßte Frau Rosen, die ihr eine zweite Mutter geworden war. und auch Joseph küßte ehrerbietig die Hand der guten edlen Frau. „Nun zu unseren Bekannten," sagte Joseph. Wie bekannt war Erna alles; alle begrüßten sie und beglückwünschten sie auch; denn das Gerücht von der Verlobung des Cantoreusvhns mit Erna Stern hatte Frau Rosen in ihrem Mutterstolze bald verbreitet. Alles drängte sich zu ihnen, aber Joseph lud alle, dre ihm aus der Straße beglückwünschten, morgen zur Feier ein. Plötzlich ging Joseph mit Erna in ein prächtiges Haus; es war das väterliche Haus Erna's. Mit einer gewissen Aengstlichkeit betrat sie den Ort, wo sie so viel Leid erfahren hatte; doch sie hatte ja den Geliebten am Arme, der war ihr Ersatz genug. Oben aber war es still, und auch Frau Rosen hatte sich geschickt entfernt, um das junge Paar seinem Glück zu überlassen. „Weißt Du, liebe Erna, wir sind allein, allein zum ersten Male in der Behausung Deines Vaters. Denkst Du der Zeit, wie wir hier als Kinder spielten? Sieh', diese Stätte war mir zu heilig, als daß ich sie Fremden überlassen sollte. Ich habe sie als unseren künftigen Sommeraufenthalt erworben und hier, in der Wiege unserer Kindheit, wollen wir die Ferienzeit stets verleben. Bist Du damit einverstanden?" Welch' Glück für Erna; sie war wieder wirklich daheim. Schnell eilten sie zum Erker, wo sie einst schmerzlichen Abschied nahmen. Stillglücklich saßen Erna und Joseph Hand in Hand beisammen, ohne auch nur ein Wort zu reden. Sie hatten soviel zu denken und noch mehr zn fühlen, daß sie keine Worte fanden, um diesen Gefühlsströmungen auch nur anuährend Ausdruck zu verleihen. — Sie waren beide wieder rn ihre geliebten Heimath. In fernen Westen ging golden die Sonne unter und verklärte die beiden Glücklichen. Ein sanfter Abendhauch uinfächelte sie mild/ und unten — da rauschte der alte Vater-Rhein sanft vorbei, nur leise, ganz leise sang über ihnen die Nachtigall den Abendgesang. — Woran dachten nur beide? Erna dachte an all die Erlaubnisse, die ihr den geklebten Joseph, den sie so lange vermissen mußte, in die Arme als Gatten führte. Und Joseph? Ihm war es, als ob er einen schweren Traum gehabt hätte, von dem ihm seine süße Erna, die er fast verkanut hätte, und an deren Treue er einst zu zweifeln schien, befreite; er dachte an einsames Grab, an dessen einem Ende eine Weide trauernd die Aeste herabhängen ließ. Hier ruhte Karl Stern, der schwergeprieste Karl, der ein Opfer Emmy Sylo.v's geworden war. Die Mitwelt hatte richtig geahnt. Thränen traten ihm in die Augen, als er sein Lieb umarmte und ihr zurief? „Wunderbar sind die Fügungen Gottes, nur der Mensch ahnt sie nicht." — Schon der nächste Zug führte die Glücklichen nach der Großstadt, wo alles über das Ereigniß höchst erfreut war. Im traulichsten Bekanntenkreise wurde Erna's Hochzeit mit dem Professor gefeiert und alljährlich weilten Erna und Joseph in ihrer Heimath dort, wo der sagenhafte Rhein vorbeiströmt und wo seine Wellen von dem Glücke erzählen, das tn diese Mauern eingezogen war. — Mirjam. Erzählung von Dr. I. Goldschmidt. (Schluß.) „War es von mir eine falsche Voraussetzung, daß sie meine Liebe erwiederte?" Bekannt hätten wir uns nie unsere Liebe, und in den zehn Jahren unserer Trennung vergaßen sich auch die tausend stillen Beweise, die der Liebende für ein Bekenntniß nimmt. — Der Zweifel an Mirjam's Liebe verließ mich nicht mehr; Tag und Nacht beschäftigte mich dieser Gedanke. Ich hatte vollständig entsagt; aber dieser Zweifel versetzte mich in heftige Aufregung. Ich hatte Mirjam entsagen wollen; aber nie im Besitze ihrer Liebe gewesen zu sein — das Bewußtsein wäre mir unerträglich gewesen. — Und doch hatte dieser Gedanke auch eine wohlthuende Seite für mich. Wie viel kleiner, nne viel weniger belastend mußte mir der Verrath an Mirjam's Liebe erscheinen, wenn ich bloß ein Phantom verrathen, wenn ich ihr gleichgültig war! Es blieb mir dann ja unverwehrt, jetzt um ihre Liebe zu werben. — Sie sehen, verehrter Freund, wie sophistisch die Eigenliebe, der Glückseligkeitstrieb ist. — Allein, warum war Mirjam noch im Elternhause? War dies Zufall? Hatte es ihr an einer „passenden Partie" gefehlt? Das war nicht möglich. Wenigstens wollte es mir nicht möglich erscheinen. Auch glaubte ich um ihre klaren Augen einen leisen Zug von Schwermnth zu bemerken, den ich eben allein nur bemerken zu können glaubte. Ich mußte Gewißheit haben. Ich wollte sie mir vorsichtig verschaffen, aber ich wollte sie haben. Den Zweifel ertrug ich nicht. — Ich ergriff die erste sich darbietende Gelegenheit. — Der Garten, zu dem von unserer Wohnung eine Thüre geführt und in welchem meinen seligen Vater die Todesstunde überrascht hatte, war noch in der alten Weise angepflanzt, und namentlich wurden einige Blumenbeete von Mirjam mit besonderer Sorgfalt gepflegt. Während das Abendroth den westlichen Horizont vergoldete, pflegte sie hier ihre Blumen zu begießen und von Unkraut zu reinigen Da suchte ich sie auf und traf sie allein. — „Wie schön war es" — bemerkte ich nach kurzer Begrüßung — „da wir als Kinder hier im Garten uns harmlos herumtummelten"? — „Ja, es war schön. Was ist dem Kinde nicht schön?" „Nun, Ihnen scheint ja die kindliche Empfänglichkeit noch nicht abhanden gekommen zu sein. Sie scheinen gern hier im Garten zu verweilen." — „Das wohl; aber als Kind ist das doch ganz anders." „Es ist wahr; man wir alt. Auch die Freude wird älter. Man kann in zehn Jahren sehr alt werden. — Wie verlebten Sie die zehn Jahre, die ich in der Fremde weilte? Sie haben mir ja noch gar nichts über diese Zeit erzählt;