Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 51 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 199 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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V — 199 erzählen Sie mir doch, „Fräulein Mirjam!" — Meine Mirjam war für mich „Fräulein Mirjam" geworden! — „Ich' verlebte Liese zehn Jahre" — versetzte sie — „wie man sein ganzes Leben in der Kleinstadt verlebt, einen Tag wie den andern , in häuslicher Thätigkeit, nur selten durch ein besonderes Ereigniß schmerzlich oder freudig unterbrochen. Erzählen läßt sich hiervon nichts, wenn ich nicht etwa von den Hochzeitsfesten der Schwestern erzählen sollte." „Wie kommt es" — sagte ich kurz entschlossen -- „daß Sie noch immer im Elternhause weilen, während Ihre jüngern Schwestern schon in den Stand der Ehe getreten )jtrtb? Hat es Ihnen vielleicht an Freiern gefehlt?" — „An Freiern" — versetzte sie ruhig, indem sie sanft erröthete — „hat es mir nicht gefehlt, dafür gibt es ja genug Ehestifter. Es war aber keiner unter denselben, den ich — lieben konnte". — Lieben? Und Ihre Schwestern haben aus — Liebe geheirathet"? — „Die kannten die Liebe nicht." „Und Sie haben-die Liebe kennen gelernt?" Sie zögerte mit der Antwort; ihre Lippen bebten leise. Endlich sagte sie mit Würde: „Ja". Was sollte ich nun? Sollte ich noch weiter gehen? Durfte ich, wenn ich nicht — werben wollte? War ich denn sicher, daß nach der nächsten Frage mir noch die Wahl frei blieb? „Fräulein Mirjam" — begann ich nach längerer Pause — „töte kommt es, daß Sie noch nicht nach meinen Erlebnissen gefragt haben? Jnteressiren sie sich denn gar nicht für den Genossen Ihrer Kindheit?" Wieder zuckte ein leiser Schauer durch ihren ganzen Körper. Eine Thräne stahl sich in ihr Auge. Doch sich beherrschend versetzte sie: „Sie sind nicht glücklich gewesen! Wozu Sie erzählen lassen, was Sie ohne Betrübniß nicht erzählen könnten, und was mir — wohl bekannt ist". Ich war in der größten Verlegenheit, wie ein ertappter Sünder. Kaum wagte ich es, die Augen aufzuschlagen. Ich war überrascht, beschämt. Das hatte ich nicht erwartet. Nur schüchtern ermannte ich mich zu der Frage: „Und wie haben Sie über mich geurtheilt?" „Irren ist menschlich." Sie können, verehrter Freuud, sich vorstellen, wie tief mich das Ergebniß erschütterte. Also es war keine Täuschung. Sie liebte mich! Und sie wartet mit edlem Vertrauen auf den Man, den ihr Herz liebt! Nun kamen Ihre Abschiedsworte mir nicht mehr aus dem Sinne. Gewiß, es handelte sich hier weniger darum, ob ich das Recht habe, glücklich zu sein, als um Mirjam's unzweifelhaftes Recht, und das Recht dieses treuen Frauenherzens, das auch dem Verräther treu geblieben war; es handelte sich um die Pflicht, Mirjam's Vertrauen nicht zu täuschen, Mirjam glücklich werden zu lassen. — Wie Sie wissen, ist der Tag nach dem Versöhnungstage der Todestag meines Vaters. Der Versöhnungstag machte dies mal auf mich einen nie empfundenen, gewaltigen Eindruck. Hier in N. hatte mein Vater so lange gewirkt; in dieser Synagoge hatte der ehrwürdige Mann die Andacht geübt und geleitet; hier hatte ich als Kind und als Jüngling ihm zur Seite mitgebetet; hier ward wieder meine ganze Vergangenheit in mir lebendig. Es war mir, als hätte ich N. nie verlassen, als hätte ich mein Schicksal nur im Traum erlebt. Der Versöhnungstag brachte mir Beruhigung und Versöhnung; er erhob mich über mich selber; ich ward wieder, was ich sein wollte: Jude! — Auch der Wille, glücklich zu sein und zu beglücken, hatte wieder sein alte Frische und Kraft in mir gewonnen. Es war für mich im wahren Sinne des Wortes ein Versöhnungstag. — Am folgenden Tage feierte ich „die Jahrzeit". Ich sagte das „Kadisch" in der Synagoge und besuchte im Stillen das Grab meines Vaters. Zwar werden in der Zeit die üblichen Grabgebete nicht verrichtet; allein es trieb mich hinaus; dann ging ich zu meiner Mirjam. „Mirjam," sagte ich, „heute ist der Sterbetag meines Vaters. Ich komme eben von seinem Grabeshügel. Weißt Du noch, wie er in Eurein Garten ohnmächtig zusammenbrach? Er war dieselbe Stunde. Weißt, Du es noch, daß Dein Name sein letztes Wort war? — Gestern habe ich mich mit meinem Gott, mit meinem Vater, und mit mir selbst ausgesöhnt. Könntest anch Du mir verzeihen?" Sie schien nicht überrascht zu sein. Mit einem zärtlichen Blicke sah sie mir in die Augen; heiße Thränen rollten herab über ihre Wangen; ich breitete die Arme aus, und sie hing an meinem Halse. „Ich wußte es, Du werdest kommen. Ich habe nie an Dir aezweifelt." — * * * „Edles, starkes Mädchenherz!" sagte ich den Brief vor mich hinlegend, indem eine Thräne mir über die Wangen rollte. Aber einen fröhlichern „Simchaß-Thauro" habe ich nie gefeiert. — Allerlei für den Familientifch. Ksrrig Humbert im Ghetto. Der König von Italien, der gegenwärtig mit der Königin in Florenz sich aufhält, sprach dem Bürgermeister den Wnnsch aus, das historische Ghetto von Florenz, von dessen Absonderlichkeiten er so viel gehört habe, zu besichtigen. Diesem königlichen Wunsche wurde selbstverständlich entsprochen und der König, nur vom Adjutanten General B a s i begleitet, wurde am Eingänge in das alte finstere Ghetto, das, zum Niederreißen bestimmt, von seinen ehemaligen Bewohnern schon fast ganz verlassen ist, vom Bürgermeister empfangen, dem der König sagte: „Zeigen L>ie mir nun das Häßlichste und Abstoßendste; ich will Alles aus eigener Anschauung kennen lernen." — Der König besichtigte nun eingehend das Winkelwerk vvn schmutzigen Gassen und. Gäßchen, trat hier und da in ein besonders armseltg aussehendes Häuschen ein, Alles mit größtem Interesse besichtigend. Des Königs Miene wurde, je weiter er kam, noch ernster wie gewöhnlich. „Es ist unglaublich", sagte er zu dem Begleitenden, „daß hier in diesem übelriechenden elenden Löchern Menschen durch Jahrhunderte leben konnten. Es war Zeit, daß die neuen Ideen diesem menschenunwürdigen Dasein ein Ende machten" und, auf den bevorstehenden Umbau des Stadttheils anspielend, äußerte der König: „Möge mit diesem elenden Gemäuer auch die Erinnerung an diese Schmach vergangener Jahrhunderte fallen". Des Königs Besuch im Ghetto währte anderthalb Stunden, worauf der König Abschted nehmend, zum Bürgermeister sagte: „Nehmen Sie meinen besten Dank entgegen; das soeben Gesehene hat mich im höchsten Maße interessirt und betrübt zugleich. Ich habe nur einmal im Leben schrecklichere Menschenwohnungen gesehen — bt<? „Fondaci" in Neapel, die ich zur Zeit der Cholera-Epidemie besichtigte. Eine Meminiscenz zu Khanuka. Ich erinnere.mich einer Anekdote, die mir vor vielen Jahren ein Mann meiner Vaterstadt erzählt hat, welche ich hier wiedergeben will. Als Napoleon I auf seinem Zuge nach Rußland durch eine ostpreußische Staat kam (ich glaube Königsberg) brachten auch die Juden derselben ihm eine Huldigung in Form eines Transparents. Derselbe enthielt nichts weiter als das Wort N21)N. Nach der Bedeutung desselben befragt, wurde es als die Anfangsbuchstaben des Satzes erklärt. imn:*) naan (Die Weisheit und die Stärke Napoleons haben die Welt bezwungen.) Bei seinem kläglichen Rückzuge ntch Zertrümmerung