Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 51 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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188«. L^Ullikll-§/s// Herausgegeben von Dr. M. Rahmer in Magdeburg. Der Jugendfreund. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Cohn. (Schluß.) — Mirjam. Erzählung von Dr. I. Goldschmidt. (Schluß.) — Allerlei für den Familientisch: König Humbert im Ghetto. Eine Remimseenz zu Chanuka. Louisville. — Die Kindheit. Zum Wochenabschnitt Bon L. Cohen, Rees a. Rh. — Gott. Von F. Saphra. — Spott. Von Louis Sch wartz, Berlin. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Der Jugendfreund. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Cohn. (Schluß.) 20. Kapitel. Fast zwei Jahre waren vergangen, seit Ernas Vater gestorben war; es schien ihr eine heilige Kindespflicht, die Heimath aufzusuchen und dort auf dem Grabe ihrer Eltern ein kindlich Gebet zu verrichten. Erna äußerte Frau Rosen gegenüber den Wunsch, der selbstverständlich nur ihren Beifall finden konnte. Nächste Zeit sollte Erna, welche Frau Rosen begleiten wollte, reisen. Es war am Abend vor ihrer Abreise, als der Professor ins Zimmer kam und zur Familie Rosen sagte. . „Ich will mich verabschieden, denn die Ferien sind da. Ich habe mein Colleg geschlossen und will nun eine Reise machen um mein „liebes Rheinland" aufzusuchen." Erna Hörte gespannt zu und Frau Rosen sagte: „Wenn Sie die Tour über Cöln nehmen, dann könnten wir Reisegefährten sein, Fräulein Stern beabsichtigt, ihre Heimat aufzusuchen und ich will sie begleiten." Einen Augenblick sah der Professor zu Erna hinüber; dann sagte er: „Nun, es soll mich freuen, gute Gefährten zu finden. Also morgen um 9 auf allseitiges Wiedersehen!" mit diesen Worten verließ der Professor die Gesellschaft. Erna freute sich schon sehr nach zweijähriger Abwesenheit wieder den heimatlichen Boden zu betreten. Einen Angenblick dachte sie an ihre Heimat, und ein wohlbekanntes Bild stieg in ihrer Seele auf; doch Joseph Walter war für Erna gestorben, sie waren schon fast drei Jahre von einander getrennt. Ihre Freundinnen hatten sich schon größtentheils vermählt, eine neue Geueration war herangewachsen. — Wen freute da noch ihre Ankunft? Niemand kannte fast noch Erna Stern, sie kam ja als Fremde, sagte sie sich, und als solche wollte sie auch wieder zurückkehren. Am anderen Morgen war der Professor zeitlich schon aufgestanden; das Wenige, was er mitnahm, ordnete er gar schnell und ging zum Bahnhofe. Zahlreich hatten sich seine Freunde eingefunden, um sich hier von ihm zu verabschieden und scherzend äußerte Dr. Garden. „Nun, lieber Herr Professor, wann werden Sie uns die Frau Professorin vorstellen? ich wünsche Ihnen aut Glück auf die Reise." Der Professor zuckte die Achseln, alle kannten ja seinen Entschluß, daß er nie freien wollte. Bald kamen auch Rosens und verabschiedeten sich allseitig. Der Zug setzte sich in Bewegung und führte die Reisenden dem Rheinlande zu. Auch äußerte der Professor, daß er sich das Vergnügen machen werde, Fräulein Stern wie Frau Rosen nach ihrem Reiseziel zu begleiten, da er ja ohnehin über Cöln fahre. Im traulichsten Gespräche verging Stunde auf Stunde, und alle wunderten sich, wie schnell die Zeit verlief. Schon fuhren die Reisenden im Rheinlande. Zu beiden Seiten des Eisenbahndammes breiteten sich die lieblichen Ufer des Rheins aus und fast jeder Ort bot dem Philologen Gelegenheit, ein „geschichtliches Ereigniß daran zu knüpfen". Hier waren es die großartigen Brücken, dort die alten Castellen, die eine Beachtung verdienten. Endlich kam man auf die Politik zu sprechen. Die Wogen von 1848 hatten sich gelegt, der Aufruf Fridrich Wilhelm des IV. „An meine lieben Berliner" hatte einen neuen Umschwung in die ganze Verfassung gebracht und die Folge davon war auch, daß der Professor, obwol ein Jude, eine ordentliche Professur erhielt und daß in demselben Jahre auch Grader dozieren durfte. Erna hörte gespannt zu. Nach 1848 wurde er Professor? hatte nicht um dasselbe Jahr Joseph Walter sie verlassen? Doch der Begleiter war ja ein anderer; eitle Gedanken, eitle Träume. Bald waren sie am Bestimmungsorte angelangt, und alle wunderten sich, am meisten Erna wie der Professor in dieser Stade eine merkwürdige Kenntniß besaß. Als Erna darauf hinwies, sagte er, daß er schon seit Jahren diese Gegend aufsuchte, weil das Rheinland ja auch sein Heimatsland sei. Erna wollte noch weiter sprechen, als sie Frau Rosen unterbrach und vorschlug in einem Hvtel Wohnung zu nehmen, das willigte der Professor nicht ein, er sagte, daß er hier sehr gute Bekannten habe, die es sich zur Ehre rechnen würden, die Ankommenden bei sich als Gäste zu wissen. Kaum war Erna daheim, als es sie drängte, den Ort aufzusuchen, wo ihre Eltern ruhten. Doch Frau Rosen wollte erst eine befreundete Familie besuchen und so erbat sich der Professor die Erlaubniß, Erna begleiten zu dürfen, was Frau Rosen und Fräulein Stern auch gestattete. 21. Kapitel. Erna stand am Grabe ihrer Eltern. Die Waise war nach Jahren wieder heimgekehrt. Alles ist anders geworden. Diese Worte der guten, seligen Beile fielen ihr unwillkürlich ein. Lange stand sie und Thräne auf Thräne folgte ihrem heißen Gebete. Da hörte sie plötzlich des Professors Stimme: „Wissen Sie, Fräulein Stern, auch ich habe keine Eltern mehr, und einstmals stand auch ich an einem Grabe mit einer Person, wie Sie es sind. Lange, lange ist es her. Es war das Grab ihrer Mutter, das wir besuchten und ich — ich schrieb ihr zur Erinnerung an diese Stunde ein Lied. Damals sagte diese Person zu mir, als ich am Grabe meiner Eltern trauerte: „Sieh, Joseph, mich traf ein gleiches Geschick, aber Du bist nicht ganz verlassen, noch giebt es eine Person, die Dich liebt, mehr liebt als ihr Leben!" /,Joseph!... Herr Professor!" rief Erna entsetzt, aber dieser hatte die Sinkende schon in seine Arme geschlossen und sie unter Thrünen geküßt. Ja, es war seine geliebte Erna, die er so lange vergebens gesucht hatte; jetzt hatte er die Gewißheit erhalten. Erna aber wemte, weinte wie einst, als sie zum ersten Male hier standen und Abschied nahmen. „Erna," sagte der Professor, „liebst Du noch Deinen Jugendfreund? Denkst Du noch Deines Joseph's?"