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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 50 (1886) · p. Seite 195

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
50 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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Schritte in der stillen Nacht verhallt waren, ging ich auf mein Zimmer. — Achtes Kapitel. Den andern Morgen reiste ich früh ab; am Abend war ich zu Hause. Ich traf Alles in erwünschter Weise an, und mit frischem Behagen genoß ich nun, nach der längern Abwesenheit, die Freuden des Familienlebens. Tage vergingen und Wochen; oft dachte ich an meinen Freund vr. R., hörte aber nichts von ihm. — Schon war der Sommer verstrichen; das Neujahrsfest, der Versöhnungstag waren schon vorbei, und auch das Laubhüttenfest ging seinem Ende entgegen. Am letzten Tage, 8imoüs.88-tla0rg., war ich eben, etwas erschöpft, aus der Synagoge gekommen und gerade dabei, die eingegangenen Briefe öffnen zu lassen, als mir ein Couvert, mit unbekannter Handschrift und dem Poststempel N., dem Geburtsorte des vr. R., sofort auffiel. Eine Ahnung sagte mir, es sei ein Brief von meinem Freunde. Zu meiner freudigsten Ueberraschung erhielt das Couvert eine gedruckte Verlobungs- Anzeige : Mirjam Levi Dr. R. Verlobte. und folgenden Brief: „Mein hochverehrter, mein theurer Freund! Ihre Hoffnung, Ihre Prophezeiung hat sich erfüllt. Ja, ich bin wieder glücklich, glücklicher als ich noch einmal werden zu können glaubte und verdiente. Daß ich erst nach so langer Irrfahrt, auf so weitem Umwege das Ziel erreichen mußte, das mir so nahe war! Ob das erreichte Ziel aber auf gradem Wege, ohne die Umwege der Irrfahrt, mich ebenso sehr beglückt hätte? — Ich schäme mich, um der Würde der Menschennatur willen, des Geständnisses, daß auch die Perle des herrlichsten Gutes, je nach der Fassung der Um« stände, an Werth gewinnen und verlieren kann in unfern Augen. Und doch muß ich eingestehen, daß — meine Mirjam mir nie das hätte werden können, was sie mir jetzt ist, wenn ich nicht vorher alle die Foltern der Entsagung durchgekostet hätte. Es ist beschämend, daß der Mensch an dem Dufte sich berauscht, den die Blüthen des Glückes aus dem Dunstkreise der Schuld schöpfen. Doch sei dem, wie ihm wolle: ich bin wieder glücklich! Sie werden begierig sein zu erfahren, wie das, was Ihre Hoffnung voraussah, gekommen. So hören Sie! — Nach Ihrer Abreise von R. fühlte ich mich ganz unbehaglich und vereinsamt. Ich hielt es nicht lange in R, aus. Ein Entschluß mußte gefaßt werden; ich konnte doch in keinem Falle ewig in R. bleiben — Da erinnerte ich mich, daß ich noch kein einziges Mal das ... Grab meines Vaters besucht hatte. Ich reiste also nach N., der Heimath meiner Mirjam. Ihre freundschaftlichen Abschiedsworte, die mir das Lebensglück meiner Mirjam zu bedenken so eindringlich ans Herz legten, bestärkten mich in diesem Entschlüsse. — Auf dem Grabhügel meines seligen Vaters wurde es mir leichter ums Herz. An der Stätte des Todes ward ich wieder ganz dem Leben zurückgegeben. Mein Vater hatte oft gesagt: „Der Mensch hat ein natürliches Recht, zu irren, aber der Jrrthum darf nicht zu weit getrieben werden." Ja ich wollte mich aufraffen aus dem unfruchtbaren Hinbrüten über das Vergangene; es sollte nicht zu weit getrieben werden. — Meine Ankunft in N. erregte großes Aufsehen. „Der Sohn unseres Rabbiners ist wieder hier" — bildete für einige Tage die größte Stadtneuigkeit. Von meinen Erlebnissen, von meinem Verhältnisse zum Hause des Professors war hier nicht das Geringste bekannt. — Ich besuchte die Freunde meines Elternhauses, in erster Reihe Bernhard Levi, Mirjams Vater. Mirjam hatte sich wenig geändert, obgleich sie zehn Jahre älter geworden. Nur an Sicherheit des Benehmens, hatte sie sehr gewonnen. — Ich war da aufs Herzlichste ausgenommen, und Mirjam schien ganz unbefangen und heiter. Das überraschte mich. Die Schwestern alle waren schon glückliche Hausfrauen: sie allein nur, obgleich nicht die jüngste, war noch im Hause des Vaters. Mit derselben Ungezwungenheit, mit der sie als Mädchen von 15 Jahren von mir Abschied genommen hatte, hieß sie mich willkommen; nur das trauliche „Du" von ehemals gebrauchte sie nicht. Ebenso wagte ich es nicht, sie mit „Du" anzureden. — Auch in diesem Hause schien von meinen Erlebnissen nichts bekannt geworden zu sein. — Mirjams Vater betrachtete es als etwas Selbstverständliches, daß ich während meines Aufenthaltes in N. sein Gast sein müsse. Die Harmlosigkeit verwirrte mich; ich wußte keinen Grund, der meine Befangenheit nicht verrathen hätte, seine Gastfreundschaft zurück;uweisen. So weilte ich denn mit Mirjam unter einem Dache. — Mein Aufenthalt in N. zog sich in die Länge; ich trug mich mit dem Plan, in dieser L>tadt eine Pcivat-Anstalt für Geisteskranke zu gründen. Mirjam war gegen mich stets freundlich; sie nahm Interesse an meinen Plänen; aber sie war dabei so ruhig, so gleichmäßig, sie war so verständig in ihrem ganzen Wesen, daß ich dafür das Verständniß ganz verlor. Ich wußte nicht, was ich denken sollte. „Sollte ich mich über ihre Gefühle einer Täuschung hingegeben haben?" (Schluß folgt.) Herrn v. Jheririg's Lügenbeschnl-igung. Der durch seine Schriften bekannte Prof. Rudolf von Jhering in Göttingen hat es, trotzdem sein schwiegerväterliches Herz sich einem Juden eröffnet hat, es nicht über sich gewinnen können, eine antisemitische Regung in seinem Innern zu unterdrücken. In einem Artikel in Nr. 16 der „Gegenwart" sucht er nämlich auch den Juden etwas am Zeuge zu flicken. Die moralischen Lorbeeren, welche die AntisemitenhÜupter bis jetzt errungen haben, können es dem Manne nicht angethan haben. Diese sehen nicht darnach aus. Aber es ist bekannt, nur starke Geister vermögen grassirenden Volkskrankheiten zu widerstehen! In dem genannten Artikel sagt nämlich der berühmte Herr Professor: „Mit der Lüge läßt auch die mosaische Schöpfungsgeschichte den Adam beginnen und die Erzvater setzten das Lügen munter fort und setzten noch das Betrügen hinzu. Abraham lügt, daß sein Weib seine Schwester sei, ebenso Isaak. Jakob belügt unter Anleitung seiner Mutter seinen Bruder und den Segen, wird dann von Laban betrogen, der ihm die falsche Tochter unterschiebt und dem er seinerseits wieder den Streich mit den Lämmern spielt. Der Verehrung der Inden vor ihren Stammvätern hat dies keinen Abbruch gethan, woraus sich ecgiebt, daß sie das Lügen und Betrügen mit gänzlich andern Augen ansehen, als wir", u. s. w. Der Zweck dieser Zeilen ist durchaus nicht, mit Herrn von Jhering eine weitläufige exegetische Erörterung in Scene zu setzen. Ich will vielmehr nur bemerken, daß das alte Testament auch an keiner einzigen Stelle seine Helden idealisirt, sondern sie ganz so schildert, wie sie eben als Menschen, in menschlichen Verhältnissen lebend, sich mit den schweren Kämpfen, Gefahren und Anfechtungen des Lebens, die auch ihnen nicht erspart geblieben sind, zurecht zu finden und ihnen enlgegenzutreten gesucht haben. Einen wirklich nach Wahrheit strebenden und vorurtheilslos forschenden Geiste werden bei ernster Ecwägnng die betreffenden Lebensverhältnisse und Vorgänge innerhalb der damaligen Zeitlage doch in einem ganz andern Lichte erschienen, als dieses bei Herrn v. Jhering der Fall ist. Ich habe hier besonders unsere Erzväter im Auge. Adam ist für die ganze Menschheit als solcher anzusehen und wurde ihm besondere Verehrung nie zugestanden. Zn seiner Ehrenrettung will ich hier indessen doch bemerken, daß ein bis dahin in Unschuld lebender und mit der Allwissenheit Gottes noch nicht bekannter Mensch, der plötzlich zum Bewußtsein eines begangenen Fehltritts kommt f

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