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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 50 (1886) · p. Seite 194

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
50 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
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— 194 Der» Jugendfreund. Novelle^aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Lohn- 19. Kapitel. Bei Rosens nahm alles den gewohnten Fortgang, auch der Professor war wieder erschienen, doch Herr Rosen hatte sich vorgenommcn, diesen zu beobachten. Er sah gar wohl, und das merkten alle, daß der Herr Professor schon längst nicht mehr so froher Laune war. Vor allem aber berührte es Erna eigenthümlich, daß dieser Professor ihr so oft ins Auge schaute. Wo hatte sie doch schon dieser Blick getroffen? Es that ihr Leid, daß etwas Geheimes den Herrn Professor zu plagen schien, und sie, die liebevolle Person, sie hätte gern ihn gefragt: „Was fehlt Ihnen?" doch sie erschrak über den Gedanken, sich in die Angelegenheiten eines Fremden zu mischen. Sie kannte ihn ja ebenso wenig, wie er sie, fast noch weniger, und wie wäre sie auch je dazu gekommen, sich für einen Fremden zu interessiren. Doch es fiel ihr auf, daß der Herr Professor sie in letzter Zeit mehr als je musterte und sie glaubte manchmal dem Gelehrten gegenüber eine Dummheit begangen zu haben! — Eines Abends war der Herr Professor wieder bei Rosens, als diese Erna baten, etwas auf dem Klaviere zu spielen. Wissen Sie, liebes Fräulein", sagte Frau Rosen, „aber etwas anderes, was ich noch nicht hörte". Erna schlug die Flügel auf, schlug erst in ihrer Meisterschaft einige prächtige Akkorde an und trug dann ein Lied vor, auf das alle gespannt lauschten. „Möchten Sie nicht dasselbe auch singen?" fragte der Herr Professor Erna. „Nein", sagte diese, „ich mag cs nicht singen, denn dieses Lied ruft schmerzliche Erinnerungen in mir wach. Da erhob sich plötzlich der Professor und, ein Unwohlsein vorschützend, empfahl er sich. Als er unten anlangte, schlug er sich vor die Stirn, ja das Lied hatte ihn so mißgestimmt, es klang ihm so bekannt, so bekannt, als ob jede Faser seines Herzens eine Saite sei. auf der die Töne des Liedes so mächtig wirkten und dasselbe im Ganzen erzittern mochte. Erna war es ausgefallen, daß der Herr Professor so plötzlich verschwunden war. Gefiel ihm denn nicht ihr Vortrag, oder hatte sie ihn beleidigt, daß sie das Lied nicht singen wollte. Der nächste Tag sollte ihr darüber Gewißheit geben, denn sie fand es fast untaktvoll, daß der Professor plötzlich verschwand. Was ging ihn denn das Lied an, daß er es hören wollte, das Lied, dessen Text sie ja nur allein kannte und das Keiner hören sollte. Am nächsten Nachmittage kam der Herr Professor wieder. Herr und Frau Rosen waren ausgegangen und Erna war zum ersten Male allein. Da klingelte es, und der Professor trat ein. „Sie sind allein, Fräulein Stern?" fragte er sie. „Nun, nicht ganz, die Kinder sind bei mir und Herr und Frau Rosen wollten ja auch bald wieder kommen". „Wissen Sie, werthes Fräulein", sagte der Professor, „das gestrige Lied hat mir sehr wohl gefallen. Woher haben Sie dasselbe? Ich spiele auch etwas und. möchte mir dieses Lied gerne anschaffen." „Das Lied?" fragte Erna erstaunt, während der Professor sie musterte, „ist eigentlich noch ein Manuscript, das ich schon viele Jahre von einer Jugendbekanntschaft besitze." „Wenn ich Sie bitten würde, mir den Text vorzusingen, würden Sie mir meine Bitte erfüllen? Einen Augenblick traf ihr Auge das seinige — dann setzte sie sich an's Klavier und sang das Lied, das ihr einst Joseph Walter ins Stammbuch geschrieben und auch selbst komponiert hatte. - Als sie zur Stelle kam: „O, bleibt Euch treu, denn Eure Wege die lenket stets der ewige Hort", da zitterte ihre Stimme merklich; aber nur einen Augenblick, dann klang es immer leiser, leiser, bis alles still war. — „Nun, Herr Professor", wandte sich Erna an Herrn Joss, „wie hat Ihnen das Lied gefallen?" Dieser selbst hatte nachdenklich sein Haupt in die Hand gestützt. Sie hatte das Lied von einer Jugendbekanntschaft?... Erna's Stimme schreckte ihn auf. „Wie mir das Lied gefällt? Nun, sehr gut, es klagt da jemand am Grabhügel seiner Mutter und bittet um Treue! Wenn Sie, werthes Fräulein", wandte sich plötzlich der Professor an Erna, „zurückdenken, könnten Sie auch um Treulosigkeit klagen?" Klang nicht die Stimme bekannt? — Nur nicht er, er soll mich nicht im Elende sehen, dachte Erna, nicht wissen, daß ich ihn beklage. Aber Herr Joss war ja stets so zuvorkommend, ihm durfte sie schon manches erzählen. „Nein", sagte sie, „ich wüßte nicht" und dabei blickte sie zu Boden, — „daß ich hintergangen worden wäre". „Wohl Ihnen", sagte er, „ich kann das nicht sagen". Erna hörte gespannt zu. Wie gerne hörte sie ihn reden. Doch, da er plötzlich abbrach, mußte auch sie schweigen. Aber lange Zeit beschäftigte sie noch der Professor, als er schon längst fort war. Warum wollte er noch einmal das Lied hören, und wie wußte er überhaupt, daß diese Melodie auch einen Text habe? Warum fragte er sie, woher sie das Lied habe? Sollte Joseph, der ihr das Lied einst verehrte, dieses weiter getragen haben? All' die Gedanken bestürmten sie und gerade dieser Professor, hatte er nicht mit Joseph die größte Aehnlichkeit? doch zwei Jahre waren fast vergangen, sie irrte sich gewiß in dem Professor. (Fortsetzung folgt.) Mirjam. Erzählung von Dr. I. Goldschmidt. (Fortsetzung.) „Lassen Sie, lieber Freund, es sich nicht gereuen, — sagte ich — mir Ihr Herz geöffnet zu haben; die Mittheilung eines edlen Schmerzes war noch immer von guten Folgen begleitet. Meiner herzlichsten Thellnayme für Ihre Erlebnisse können Sie gewiß fein, wüßte ich, daß ich im Stande sei, zu Ihrer Aufheiterung etwas beltragen zu können, ich wäre mit Freuden zu jedem Dienste bereit. Meine Hoffnung für Sie wird aber — ich bin davon überzeugt — ohne jedes fremde Hinzuthun sich verwirklichen. — Aber an Eines gestatten Sie dem Freunde, dem religiösen Gewiffensrathe, Sie zu mahnen: Ihre Bedenken bewegen sich alle nur um den Einen Punkt, ob Sie wohl das Recht haben, glücklich zu sein? Ich mahne Sie an die Kehrseite dieser Frage: Haben Sie das Recht, Ihre — Mirjam unglücklich sein zu lassen? Das Glück Ihrer Mirjam jetzt Ihrer Buße, Ihrer Strenge gegen sich selbst, zum Opfer zu bringen? Ihre Mirjam weilt noch im Hause des Vaters; sie harrt vielleicht mit Sehnsucht des — geliebten Mannes. Sie wollen entsagen, um Ihre Schuld zu sühnen. Und der Preis Ihrer Sühne sollte — das Lebensglück Ihrer Mirjam sein dürfen?" Er bebte leise zusammen. „In dieser Weise habe ich es allerdings noch nicht bedacht" — sagte er. — So gerne ich noch bei dem Freunde geblieben wäre, — ich mußte Abschied nehmen. Eine herzliche Umarmung, ein warmer Kuß, ein kurzes, inniges Lebewohl, — und wir trennten uns. — Eben war ich an meine Wohnung angelangt, als ich hinter mir eilige Schritte vernahm. Es war mein Freund, den ich eben verlassen. Er schloß mich heftig in seine Arme. — „Ich mußte Sie noch einmal umarmen, Ihre Mahnung werde ich nicht vergessen — leben Sie wohl"! und ereilte davon, noch bevor ich mich von meiner Ueberraschung erholt hätte. Tief gerührt blickte ich dem edlen Menschen nach; bald konnte ich ihn nicht mehr sehen und als auch seine

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