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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 49 (1886) · p. Seite 191

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
49 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 191 (sequence 3)
Language
German
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191 hohen Achtung und allgemeinen Liebe der Entschlafene sich erfreute, davon gab sein am 25. d. stattgefuudenes Leichenbegängniß beredtes Zeugniß, denn es haben sich nicht nur die angesehensten Männer der Cultusgemeinde, sondern auch Vertreter der Kunst, Litteratur, Wissenschaft und der finanziellen Welt daran betheiligt und den Sarg mit Kränzen geschmückt. Der Prediger Dr. Jellinek pries seine Anhänglichkeit am Judenthum, das ihm eine großartige Poesie war und das zu fördern er als Mitglied des Vorstandes und Präsident der Unterrichtssection vielfach Gelegenheit hatte. Außer Dr. Jellinek hielten noch Grabreden der Präsident des Schriftstellervereins „Conccndia", Herr Schembera, und der Hofrath Ritter v. Weilen, die Beide die Geistesgaben und Herzensgüte des verstorbenen Dichters in ergreifenden, poesievollen Worten hervorhoben. Auch im Gemeinderath der Residenz wird ihm der Bürgermeister einen Nachruf halten, denn der Hingeschiedene war mehrere Jahre Mitglied des Gemeinderathes, von dem er vor einigen Jahren mit der Abfassung der Adresse zur Feier der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares betraut worden war. Aus Gesundheitsrücksichten hat er sein Mandat als Gemeinderath niedergelegt, denn Dr. Kompert trug schon lange den Ausdruck des Leidens an sich. Als wir ihm vor acht Jahren an der Heilquelle zu Gleichenberg begegneten, da schien er schon schwach und matt, er erholte sich aber wieder und hat seither wieder ein neues Werk geschaffen; als wir ihn aber vor drei Jahren in seinem eigenen Heim in Wien aufsuchten, da fanden wir ihn bereits ganz gebrochen und nur mit Mühe konnte er sich einer auch nur kurzen Conversation hingeben. Es ist nach Allem, was von unserm Kompert bekannt ist, nicht nothwendig, daß wir uns hier weiter über ihn als Dichter und Menschen verbreiten*), uns aber gab er einen Beweis seiner Bescheidenheit, indem er, als wir chm im Jahre 1882 zu seinem sechzigsten Geburtstage und vierzigjährigen Schriftstellerjubilüum gratulirten, uns unter Anderem folgendes antwortete: „Ich bekenne mit freudigem Stolze, wie wohl es mir thut, daß ein so trefflicher Mann wie Sie auf mein bescheidenes Dichten und Wirken einiges Gewicht legt." So kann nur die personificirte Bescheidenheit und Herzensgute schreiben. Dr. Kompert weilte auch einige seiner Jugendjahre in Ungarn, wo er sogar die ersten seiner Erzählungen aus der Judengaffe, die ihn rasch populär machten, schrieb, und hat hier in Preßburg einen Theil seiner Gymnasialstudieu absolvirt, ein Grund mehr, der mich veranlaßt, ihm hier in der Synagoge einen öffentlichen Nachruf "zu halten. Dr. David. Allerlei für den FamiUentisch. Schlagfertig. Der bekannte deutsche Schriftsteller Baron v. Knigge war als junger Mann in Heffen - Kassel'schen Diensten im Finanzkollegium als Assessor angestellt, ging aber seiner außerordentlichen Neigung zu Späßen und lustigen Einfüllen eifriger nach, als seinem Amt, ein Umstand, der ihm in höherem Grade den Beifall der lachlustigen Hofgesellschaft, als seiner amtlichen Vorgesetzten eintrug. Freilich war Niemand vor seiner spöttischen Laune sicher, und wer jetzt entzückt lachte über einen seiner drolligen Einfälle, wurde schon im nächsten Augenblick oft selbst Gegenstand allgemeiner .Heiterkeit. Kein Wunder, daß sich beim Auftreten Knigge's ln der Gesellschaft unwillkürlich Jeder in Vertheidigungs- Zustand setzte. So fehlte es denn auch nicht an gelegentlicher scharfer Heimgabe seiner Späße. Einst enthielten die Zeitungen *) K. war am 15. März 1822 in Münchengrätz (Böhmen) geboren. Seine Hauptwerke sind: „Böhmische Juden", „Am Pflug", „Aus dem Ghetto", „Geschichten einer Gasse", „Neue Geschichten aus dem Ghetto" u. a.; auch der „Wochenschrift" hat er manchen werthvollen Beitrag gewidmet. (Red.) gelegentlich der kriegerischen Unruhen in der Türkei die Nachricht aus Konstantinopel, die Muselmänner hätten am 10. Mai nach alter Sitte zur Versöhnung des Propheten einen Juden nebst einem Esel begraben. Man las und lachte darüber, und mitten aus einem Kreise von Hofdamen heraus rief Knigge dein beim Hofe sehr geschätzten Oberhofagenten Feidel spottend die Worte zu: „Wie gut, Herr Oberhofagent, daß Sie am 10. Mai nicht in Konstantinopel waren!" „Allerdings," erwiderte Feidel kopfnickend, ohne eine Miene zu verziehen, „ein großes Glück für mich! Aber auch für Sie, bester Baron, daß Sie nicht dort, sondern in Kassel waren!" „Für mich? Wie so?" antwortete Knigge betroffen. „Ich bin doch kein Israelit!" „Das nicht; aber der Herr Baron vergessen, daß außer dem Juden noch Jemand begraben wurde!" Ein betäubendes Gelächter des ganzen Hauses brach bei diesen mit unnachahmlicher Grazie gesprochenen Worten aus, und der geschlagene Witzbold verlor so völlig darüber den Kopf, daß er wüthend das Zimmer verließ. Gin modernes Anto-do-Fe. Das folgende Curiosum aus unserem stillen Orte (Tholey) dürfte, wenn auch etwas verspätet, vielleicht nicht ohne Nutzen für Andere sein. Am Haschana rabba (den 20. October d. I.) sollte hier ein Auto-da-fs öffentlich vollzogen werden. Ein Glück, mein lieber Leser, daß es dieses Mal keine Menschen, sondern nur Ethrogim und Lulowim betraf, über die vom Steueramte schon am 3. October der Verbrennungstod verhängt war. Der Sachverhalt war folgender: Auf Wunsch einer armen hiesigen Familie bestellte Einsender dieses am 6. September gegen Baareinsendung des Facturabetrages Cedern und Palmzweige — versuchsweise — direkt aus Triest. Die Bestellung blieb etwas lange aus; denn das Haus G. Singer hatte das Geld und die Zusendung hatte deshalb keine Eile. Ja, letztere wäre möglicherweise ganz vergessen worden, wenn Einsender dieses uicht am 23. September ein unzweideutiges Telegramm an das „anerkannt solideste" (?) Import- und Export-Geschäft in T. eingesandt hätte. Schon hatte ich eine bezügliche Anklageschrift an das Kaiserliche deutsche Consulat in Triest entworfen, als mir vom Steueramte St. W. Post mitgetheilt, daß am 1. Oct. zwei Packete aus T. an meine Adresse angekommen seien. Am 3. erfolgte die Verzollung resp. Eröffnung beider Zollstücke, aber — o Schrecken! bei der Eröffnung ffndet sich — wie der amtstreue Zollwüchter sich ausdrückte — kein „Ursprungsschein" vor, daß die Zollstücke auch frei von Reblaus seien, und darum müßten sie verbrannt werden! Auf wiederholtes und dringendes Bitten wurden gegen einen ausgestellten Revers, inhaltlich dessen die qu. Zollartikel nur zu synagogalen Zwecken bestimmt seien, letztere endlich ausgeliesert, aber noch war die Begnadigung keine definitive; denn einige Tage darauf wird das Bürgermeisteramt hier in Kenntniß gesetzt, daß auf Grund des Reblausgesetzes die qu. Ethrogim und Palmzweige nach Benutzung in der Synagoge sofort — unter amtlicher Aufsicht — unbedingt verbrannt werden müßten. Ich machte Einwendungen, Vorstellungen, bat um Gnade rc., eine Replik geht von Seiten unseres Bürgermeisteramtes wieder nach St. W.(endel) ab; sie hat Erfolg; nach einigen Tagen erfolgte der Freispruch. Siegesfreudig wie nie zuvor, konnte ich mit meiner Gemeinde am Suckothfeste nun dem Höchsten unser Hoschana spenden. Alles „Böse" weiter weg von Israel! Also geschehen im Jahre 5647 nach Erschaffung der Welt! Gr. S.

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