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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 49 (1886) · p. Seite 190

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
49 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 190 (sequence 2)
Language
German
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190 Mirjam. Erzählung von Dr. I. Goldschinidt. (Fortsetzung.) „Ich muß gestehen, daß ich diese Sinnesänderung beim Professor mit Freuden begrüßte. Dem Manne gegenüber, der so dachte, brauchte ich nicht die Rücksicht zu nehmen, der ich mein Lebensglück, ja mein Leben zum Opfer bringen wollte. — Und — um es kurz zu sagen — auch Therese's Gefühle für mich änderten sich. So wie ich zuerst, um als Mann von Ehre zu handeln, um Therese's Hand anhalten zu müssen glaubte, so mußte ich jetzt, wollte ich nicht ehrlos sein, das Vcrhältniß zu Therese auslösen: Der Jude mußte — demissioniren! — Ich zürne ihr nicht; sie hat mir mehr zu verzeihen, als ich ihr. Ihre Liebe hat die Prüfung nicht bestanden. Das ist kein Wunder; ich habe nichts gethan, ihre Liebe nicht zu verlieren. Aber wenn ihre Liebe von vorne herein nur Heuchelei und Berechnung gewesen wäre? — Ich muß fürchten, ihr Unrecht zu thun, denn ich bin ja nicht frei von Schuld, ich darf sie nicht anklagen. Aber wenn ihre Liebe nicht echt war; wenn es nur Eitelkeit von mir war, sie für echt zu halten; wenn Therese's Lebensglück, als ich das meinige ihr zum Opfer brachte, gar nicht auf dem Spiele stand; wenn Selbstbetrug, wenn ein Wahn mich um mein Lebensglück betrogen-o, daß ich nicht verblendet gewesen wäre, daß ich nicht gedacht hätte, edel zu handeln, während ich nur wie ein Narr gehandelt hatte — ich hätte meine Mirjam-meine Mirjam nie verrathen! — Allein ich habe es gethan; das Geschehene ist nicht zu ändern; ich habe meine Mirjam, meine reine Liebe, meinen Schutzengel, das Vermächtniß meines sterbenden Vaters, schnöde verrathen: habe ich nun noch das Recht, sie — zu lieben? Habe ich noch das Recht, in Mirjam's Liebe mein zertrümmertes Lebensglück wieder herzustellen? — Nein, ich habe dies Recht nicht mehr; mir bleibt nichts übrig, als — zu entsagen!" — Siebentes Kapitel. Er hielt inne; ich war auf's Tiefste ergriffen. Nun war der Sckleier gelüftet, der das Wesen dieses Mannes vor mir umgeben hatte. Ich war im Stande, ihn ganz zu verstehen, ihn ganz zu begreifen. Er hatte eine furchtbare Prüfung durchgemacht. Auch in mir hatte sich der Stolz aufgebäumt, als man es gewagt hatte, des deutschen Vaterlandes treueste Bürger wegen des Glaubens zu beschimpfen. Ich begriff seine Verirrung klarer, als er sie mir erläutert hatte. Ich begriff auch, daß die Schuld mit mächtiger Wucht das Bewußtsein dieses edlen Menschen Niederdrücken mußte. Diese strenge Gewissenhaftigkeit, die sich nicht erlauben wollte, glücklich zu sein, weil sie an ihrem Rechte dazu zweifelte, überwältigte mich. „Habe ich das Recht, — glücklich zu sein"? — wie selten wird wohl diese Frage gestellt! Der Unglückliche beklagt sich wohl: warum bin ich unglücklich? Das Glück braucht keine Rechtfertigung. „Verdiene ich, glücklich zu sein?" — fragt wohl der Glückliche vom sichern Port aus, wenn er schon in dem Hafen der Seligkeit vor Anker liegt, nicht um das unverdiente Glück von sich zu weisen, sondern um es als ein Geschenk der „Götter" — doppelt zu genießen. Dieser Mann brauchte nur die Hand auszustrecken, um das Glück als eine reife Frucht zu brechen, — seine Mirjam erwartete ihn gewiß sehnsuchtsvoll — er wagte es nicht, die Hand darnach auszustrecken, weil er sich nicht mehr dazu berechtigt glaubte!- „Und wie lange ist es her" — unterbrach ich zuerst die Pause — „daß Sie das Vcrhältniß zu Therese lösten?" „Ungefähr drei Monate." „Und wo lebten Sie seitdem? Was führte Sie hierher nach R.?" „Nachdem ich mit meiner Verlobten gebrochen, fühlte ich eine brennende Sehnsucht, den beleidigten Geist meines Vaters und meines Glaubens zu versöhnen. Die Erinnerungen meiner Kindheit, die Eindrücke des väterlichen Hauses erwachten in mir mit erneuter Lebhaftigkeit; nach der langen Entfremdung fühlte ich geradezu eine heiße Begier, wieder — Jude zu sein, Jude im ganzen Umfange der Pflichten, die dieser Name an seine Träger stellt, in der innigen Weise, wie es mein Vater gewesen. — Diese Gemüthsstimmnng war mein Glück; sie gab mich wieder mir selbst und dem Dasein zurück, mein zerknittertes Herz hatte darin ein Ziel, woran es sich schmiegen und wieder ausweiten konnte. — In B. jedoch entstand mir dadurch manche Unannehmlichkeit. Ich war zu sehr bekannt, meine Geschichte war auch kein Geheimniß geblieben; wo ich mich den Glaubensgenossen näherte, erregte es Aufsehen und Verwunderung, was mir natürlich sehr peinlich war. Meines Bleibens in B., wenigstens für die erste Zeit, das sah ich ein, war nicht mehr. Ich mußte einen Ort aussnchen, wo ich unbekannt war, und wo ich vermuthen durfte, keinen Bekannten zu treffen. So entschied ich mich denn für diesen Kurort. Hier in der Einsamkeit des Waldthales, wollte ich einige Wochen nur mich selbst beruhigen und für meine Zukunft einen Plan fassen." „Und haben Sie schon einen Plan gefaßt?" „Nein; ich habe noch nicht die nöthige Ruhe gewonnen." „Und" — begann ich zögernd — „verzeihen Sie meine Theilnahme: was wissen Sie von — Mirjam?" „Sie ist noch im Hause ihres Vaters."-— Inzwischen war tiefe Nacht hereingebrochen. Die tiefste Stille herrschte rings um uns her. Der Vollmond warf seine Hellen Strahlen über das dunkle Grau der uns umgebenden Wälder, die dadurch wie von flüssigem Silber übergossen und. von sanftem Hauche geschüttelt, allerlei Geheimnißvolles sich zuzuflüstern schienen. Meine Blicke glitten durch das Fenster hinab über den waldbedeckten Hügelabhang, -ich konnte es nicht wehren, daß mitten in der innigsten Theilnahme für das schmerzliche Schicksal meines Freundes fröhliches Hoffnungsgefühl für denselben sich meiner bemächtigte. Ein so edler Mensch, wie mein Freund, der konnte nicht unglücklich bleiben! Er hatte geirrt, sehr weit sich verirrt, aber doch nicht so sehr, um nicht den rechten Weg wieder zu finden. Den ersten, schwersten Schritt hatte er aus eigener Kraft zurück gethan; der Weg, den er jetzt ging, führte, eonsequent verfolgt, ohne Zweifel zum heitern Ziele. — „Mein Freund" — „sagte ich. mich erhebend — „Ihre Wunde ist noch zu frisch, als daß dieselbe schon genesen könnte. Es wäre verfrüht. Ihnen jetzt schon von Hoffnung zu sprechen. Und was sollte ich auch Ihnen sagen? Sie sind ja ein Mann, der des Führers nicht bedarf. Sie sind stark genug, um aus eigener Kraft sich zu erheben; aber — mit der Zeit. Sie. ein Arzt der Seele, wissen es so gut als ich. daß der Sturm des Gemüthes uur allmählich sich beruhigt. Die Schuld, die jetzt sich mächtig zwischen Sie und Ihre Liebe drängt, wird ihre Sühne finden, und — Sie werden noch glücklich sein." „Niemals" — sagte er tonlos. — Auch er hatte sich erhoben, und wir gingen nun stillschweigend den Weg nach Hause. Es war ziemlich spät, als wir im Thale anlangten. Der Zug, mit dem ich morgen früh abreisen wollte, ging sehr früh ab: wir mußten uns daher sehr bald verabschieden. (Fortsetzung folgt.) Keopolv Kornpert. Die Nachricht von dem am 23. November erfolgten Tod Kompert's hat der Telegraph überallhin verbreitet, sicher auch schon zu Ihnen gedrungen. Die hauptstädtischen Blätter widmen ihm die wärmsten und ehrendsten Nachrufe, und preisen ihn als freisinnigen Dichter- und vornehmen Schriftsteller, der wie Wenige die litterarische Kunst mit Weihe und Begeisterung ausübte, und des Erfolges froh ohne Selbstüberjchützung bescheiden geblieben war. Welcher

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