Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 49 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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1886. M 49. Jüdisches »i^> Zur Antkrhaltuug«. Kklehrmg für die israelitislhr Jugend. Herausgegeben von l)r. M. Rahmer in Magdeburg. Der Jugendfreund. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Cohn. (Fortsetzung.) — Mirjam. Erzählung von Dr. I. Cfctlfmd4 Goldschmidt. (Fortsetzung.) — Leopold Kompert. — Allerlei für den Familientisch: Schlagfertig. Ein modernes Auto-da-Fö. Ein Ehrenzeugniß. Cttriosum. Zehn Verbote. Ein Gelübde. Von A. Spei er, Heinebach. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Der Jugendfreund. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Cohn. 18. Kapitel Eben kam der Professor aus dem Colleg, als ihn Herr Rosen auf die Schultern klopfte und ihm zurief: „Aber Herr Professor, Sie rennen mich ja heute fast um?" „Ach, Herr Rosen, Sie sind es", gab der Angeredete zur Antwort, „ich dachte eben über etwas nach". „Aha, wieder über eine neue Sprachform? Nicht wahr, Herr Professor." „Durchaus nicht", sagte dieser fast unwillig, „wissen Sie", wandte er sich plötzlich an Herrn Rosen, „ich dachte an Ihre Erzieherin!" „Kein übler Gedanke"! gab Herr Rosen in seiner jovialen Redeweise zur Antwort. „Eine liebe, treue Person, nicht wahr?" „Das weiß ich ja nicht; denn so genau habe ich sie noch nicht kennen gelernt, aber sind Ihnen deml ilicht nähere Details über die Herkunft des Fräulein Stern bekannt?" „Nun ja, etliche", sagte Herr Rosen, „ich habe nur durch ihre Verwandten erfahren, daß sie Waise ist und vor einem Jahre hierher kam, um Privatunterricht zu ertheilen. Alles Uebrige wissen Sie ja." „Aber, Herr Professor", fuhr Herr Rosen fort, „mich nimmt cs wahrlich Wunder, daß Sie, der Sie ja sonst der in sich verschlossene Gelehrte sind, so viel Interesse an einem Mädchen nehmen, oder kennen Sie etwa Fräulein Stern näher?" „Nein", gab der Professor zur Antwort, „ich kannte wohl einst eine Familie gleichen Namens, doch diese war so begütert, daß es kaum denkbar ist, daß eine Stern Lehrerin werden würde, doch Sie erzählten mir, daß Fräulein Stern Verwandte hier habe. Wissen Sie vielleicht, was dieselben sind und wo sie wohnen?" „O, ja", entgegnete Herr Rosen, „es ist eine Familie Grader, die in der Baderstraße wohnt". „Vielleicht die Familie Grader, dessen Sohn an der Universität dociert?" „Dieselbe", antwortete Rosen. „Nun sehen Sie", sprach der Professor, lächelnd, „durch meine Neugierde bin ich mit Fräulein Stern schon näher bekannt". „Nun lassen Sie uns aber scheiden, denn ich habe noch Wichtiges heute vor." Herr Rosen ging kopfschüttelnd vom Professor und dieser selbst lenkte seine Schritte nochmals zur Universität und ging in das Colleg des Dr. Grader. Erstaunt blickten alle Studenten auf den wohlbekannten Professor der Geschichte und Litteratur, und mancher blickte von der Schädelbetrachtung zu dem neuen Studenten hinüber. Nachdem das Colleg zu Ende war, ging Herr Dr. Grader dem Professor entgegen und reichte ihm lächelnd die Hand. „Herr Professor", redete er ihn an, „Sie haben meine Studenten heute hübsch konfus gemacht, doch was führt Sie zu mir?" „Nun, ich wollte auch sehen, wie es im Schädel des Menschen aussieht. Vielleicht entdecke ich auch dort den Ort, wo die Vernunft wohnt." „Sie sprechen in Räthseln", gab Dr. Grader zur Antwort. „Sie wollten doch nicht einen Blick in die Anatomie werfen?" „Nun", meinte der Professor, „wenn auch nicht gerade in die Anatomie des Leibes, so doch in die der Bekanntschaften." „Sagen Sie mir Ural". fuhr er fort, „Sie stehen mit einem gewissen Fräulein Stern in verwandschaftlicher Beziehung nicht wahr?" „Ganz recht, Herr Professor, ihr Vater war ein Vetter meines Vaters, doch meine liebenswürdige Großkousine ist von Rosens so sehr in Anspruch genommen, daß sie uns nur wenig besucht! Nur hin und wieder kommt sie zu uns : aber wie gesagt, auf sehr kurze Zeit, doch was bedeuten diese Fragen?" „Nichts als Neugierde", gab der Professor ausweichend zur Antwort. „Sie sehen, man wird zuletzt noch neugierig. Aber wissen Sie etwas Näheres über die Herkunft des Fräulein Stern, mir ist eine Familie Stern auch schon einmal begegnet." „Jawohl, Herr Professor, Fräulein Stern ist seit einem Jahre hier, ihr Vater, der ein angesehener Mann war. ^erieth durch große Verluste in große Schulden und ein plötzlicher Tod rettete ihn vor Schmach; Fräulein Stern selbst blieb allein und kam unserer Einladung bald nach dem Tode ihres Vaters nach. Weiter weiß ich auch nichts, doch füge ich noch hinzu, daß sie aus dem Rheinlande ist. so wissen Sie alles, wenn es Sie interessieren dürfte! Doch was ist Ihnen, Herr Professor, Sie sind ja plötzlich so bleich geworden? »Nichts, nichts", sagte dieser, „ich hatte nur einen kleinen Anfall, er ist aber schon vorüber, übrigens danke ich Ihnen." -- Beide reichten sich die Hände und der Professor bog die Straße ein und ging auf sein Zimmer. Lange ging er hier aus und ab und sprach laut mit sich selbst: „Jetzt habe ich Gewißheit, wo Erna Stern ist und warum es so weit kommen mußte. Doch, Grader sagte mir, er hatte große Verluste und verarmte und Erna war ja Herrn Emanuel vermählt! Thörichte Gedanken, sagte er sich, wie ein Mann solch' alte Erinnerungen wachruft. Erna Stern ist ja längst schon Frau; doch dieses Fräulein Stern will ich beobachten, vielleicht erfahre ich noch mehr von ihrer früheren Zeit! Er war sichtlich aufgeregt, in diesem Zustande durften ihn Rosens nicht sehen, auch Grader hatte bald des Professors vergessen, während dieser selbst in ein Kaffe ging^ um dort bei einem Glase Rüdesheimer an seine liebe Heimath zu denken und sich dabei auch zu beruhigen. (Fortsetzung folgt.)-