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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 48 (1886) · p. Seite 187

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
48 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 187 (sequence 3)
Language
German
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187 — werden kann, rnhig verspotten und verhöhnen lassen, denn er ist ein — Eindringling. Denken Sie sich einen Mann von Bildung und Ehre, der es gefesselt mitansehen müßte, wie der rohe Pöbel seine alte Mutter verhöhnt und bedroht — und Sie haben ungefähr ein Bild meines Gemüthszustandes, gegenüber der antisemitischen Bewegung. Was mußte ich da nicht alles schweigend mitanhören! Und noch mehr, als man hört, glaubt man zu sehen, zu errathen. Jeder kühle Blick schien mir ein — Antisemitismus zu sein. Noch empörender waren mir die Freundlichkeit und Herablassung, womit die nichtantisemitische Gesinnung ausgedrückt werden sollte, von Personen, deren ganzes Verdienst darin bestand, — daß sie getauft waren. Stand in irgend einem größeren Journal ein Angriff gegen das Judenthum,^ so war ich auf der Folter wegen des Eindruckes, den dies auf die liebe Braut und den lieben Herrn Schwiegerpapa machen werde. Der Professor war zwar grundsätzlich erhaben über allen Confessionalismus, umsomehr, als er einem Juden die Hand seiner Tochter nicht versagt hatte. Er war ein Philosoph, ein Arzt, ein Freidenker. Ein Verbrechen war es nicht in seinen Augen, Jude zu sein; aber eine — Lächerlichkeit. Ein spöttisches Lächeln umspielte seinen Mund, so oft er eine der kühnen Blasphemien gegen die Juden las, trotzdem er die ganze antisemitische Richtung verabscheute. Seitdem man so viel Lächerliches über die Juden ausstreute, seitdem die Judcnhetze wieder zur Mode geworden, war es in seinen Augen eine Ungeschicklichkeit, ein Malheur, gerade zu diesen verlachten und verhöhnten Menschen zu gehören. Der Einzelne kann nichts für diese Ungeschicklichkeit, für dies Malheur. Aber wer eine schiefe Nase hat, kann auch nichts dafür, und doch lacht der Rohe darüber. So ungefähr bcnrtheilte der Vater meiner Braut die jüdische Abstammung seines Schwiegersohnes. Nichts weniger als angenehm war es ihm, daß dieser mit der viel'ielachten Eigenschaft behaftet war, Jude zu sein. Lächerlichkeit aber ist das tödtlichste Hift nicht nur der Achtung, sondern auch der Liebe. — Mir raubte das Bewußtsein, in solcher Weise verurtheilt zu werden, den letzten Rest meiner Ruhe und Unbefangenheit. Ich wünschte oft, der Herr Professor wäre doch weniger aufgeklärt und ein eifriger Anhänger irgend einer Confessiou gewesen. Gegen den strengsten Katholiken kann man sein Judenthum vertheidigeu, über dessen Werth oder Unwerth debattiren; aber gegen den Freidenker, gegen die Betrachtungsweise meines Herrn Schwiegerpapa's wäre das ein Kampf mit Windmühlen gewesen. Nicht der Unwerth des Judenthums war der Makel, den ec an mir bedauerte; ihm hatten alle Confessionen gleichen Werth oder Unwerth. Der Makel, den man eben in der Oeffentlichkeit dem Judenthum anheften wollte, dieser Versuch war Alles, was er gegen mein Judenthm einzuweuden hatte, und diese Tatsache ließ sich durch nichts wegdebattiren. — Mit der größten Selbstbeherrschung überwand ich meine Empfindlichkeit, um mich nicht wirklich lächerlich zu machen. Ich hatte ja gewiß kein Recht, empfindlich zu sein gegen die Mißachtung des Judenthums, denn ich war ja der Verlobte — einer Christin! — So stand es Anfangs; mit der Zeit wurde das Mißbehagen über das schwiegerväterliche Verhältniß zu einem Juden bei dem Herrn Professor immer größer, indem sich ganz vernünftige, praktische Bedenken bei ihm einstellten. Dem vielversprechenden Gelehrten, dem kein Hinderniß zur Höhe der Aemter und Orden den Weg verlegte, hatte er, sogleich derselbe Jude war, die Hand der Tochter nicht versagt; der Jude aber, dem „Hep-Hep" zugcrufen wurde, der war auch nicht mehr eine so glänzende Partie, der konnte seiner Tochter auch keine so glänzende Zukunft in Aussicht stellen. Wer konnte wissen, wie weit die herrschende Bewegung führte, vielleicht gar zu einer gesetzlichen Beschränkung der Emanzipation, oder auch nur zur Beschränkung auf dem Verwaltungswege. (Fortsetzung folgt.) Ern jüdischer Cornponist. Einer der begabtesten modernen Tondichter ist der hier in Dresden lebende, i. I. 1827 zu Haag geborene Benjamin Polak Daniels. Derselbe gereiht unserer Gemeinde zur Zierde und nimmt den lebhaftesten Antheil an der Entwickelung unseres Cultus. Sein □''IS " ns ibSn und patriotisches Lied zur „Sedanfeier" für unsere Synagoge componirt, legen ein beredtes Zeugniß ab von der Genialität dieses hervorragenden Mannes. Einige biographische Notizen dürften wohl den Lesern dieses gesch. Bl. willkommen sein. Herr B. P. Daniels ist der Schwiegersohn des um unsere Gemeinde verdienten seligen Gemeindevorstehers Herrn.Joseph Meyer, und Schwager unseres intelligenten und hochgeschätzten Gemeinde-Deputirten Herrn Felix Meyer. Schon früh zeigteer als Knabe außerordentliche Fähigkeiten, die durch Die _ Leitung des bekannten Professors an Haager Conseco atorium, I. H. Lübeck, eine glänzende Ausbildung erfuhren. Mehrere kleine, sehr melodische Tonstücke mrchtel seinen Namen schnell bekannt; nachdem er sich ein wahrt) ist poetisches Heim in Dresden an der Seite einer geistvollen Gattin gegründet hatte, widmete er sich ganz der Munk. In ununterbrochener Reihenfolge componirte ec Ouvertüren, Opern, Fantasien. Messen, Cantaten, Märsche und Lieder, die ihren Weg durch die ganze Welt nahmen. Eine schöne Würdigung seiner künstlerischen Bestrebungen wurde ihm schon dadurch zu Theil, daß zur Jubiläumsfeier des Papstes in der Peterskirche zu Rom seine groß', bereits öott, der Maatschappij der Tonkunst ln Holland mit dem Ehrendiplom ausgezeichnete Cantate zur Aufführung bestimmt wurde. Die bedeutendsten Akademien von Frankreich, Italien, Holland mib Belgien haben B. P. Daniels zu ihrem Mitglied ernannt, der Kaiser von Brasilien belohnte ihn mit der goldenen Medaille, mit der Krone für Kunst und Wissenschaft, und viele andere Monarchen überhäuften ihn mit Zeichen ihrer Huld, so wurde der berühmte Componist erst jüngst von der Prinzessin von Lusignan unter Verleihung des von ihr gestifteten und für die größten Dichter und Künstler bestimmten Melusinenocdens zu ihrem Ehrencavalier und Hofkapellmeister ernannt und in den Komthurstand des hohen Ordens vom italienischen wAßen Kreuz erhoben. Von den Werken des Tonkünstlecs nennen wir hier seine Sinfonie „Erika", die große, in Nürnberg und anderen süddeutschen Städten mit Erfolg aufgeführte Oper „Philippine Welser", die Oper „König Wenzeslaff", ein gewaltiges, in seinem dramatischen Aufbau geradezu hinreißendes Werk von wuchtigster Instrumentation, das wohl als das Faeit seines künstlerischen Strebens anzusehen ist, sowie die kleinere Oper „Valentintag", und das von dem bekannten Feuilletonisten Richard Grothe gedichtete Ballet „Elsenliebe", welches eine Fülle reizender und frisch erfundener Tanzmelodien hat. Bei meiuenr letzten Besuche legte er mir das künstlerisch vollendete XlZin*OK für Clavier, Violine, Cello und Harmonium vor, welches er nach der eigens von mir hierzu rhythmisirten Melodie componirt hat. — No h befindet sich der Künstler in rüstigster Schaffensthärigkeit, die uns eine große Anzahl genialer Werke erwarten läßt. Erst die Nachwelt wird diesen als Mensch wie als Künstler gleich großen Mann ganz zu würdigen wissen. Dresden. A. W. Allerlei für de«» Firmilientisch. Mas ein Kaisererstea Male hart. Der Kaiser von Oesterreich fragte bei einem Besuche des israelitischen Seminars zu Pest einen Herrn vom Bau- Ausschusse, den Ministerialrath Szasz, welcher Nachtrag zum Voranschlag der Bausumme erforderlich war. „Wir hatten einen Ueberschuß von 30,000 Gulden, Majestät", entgegnete Szasz. — „Es wurde also weniger gebraucht, als

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