Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 48 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492351-9579404-9574406--0749-9574408- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Ganz recht", gab der Professor zur Antwort; „ich weilte erst Daheim und ging dann nach Frankreich, wo ich französische Conoersation trieb, jetzt bin ich, wie sie sehen, wieder hier und nehme meine Thätigkeit an der Universität wieder auf." Erna hatte den Worten des Professors aufmerksam zugehört und war erfreut darüber, in einem solch' feinen Kreise wirken zu können. Auch der Professor sah einmal, wie prüfend, zu Erna hinüber, aber nur vorübergehend, dann führten bald die beiden Herren Doktoren die Unterhaltung; es wurde über gleichgültige Dinge gesprochen, zuletzt auch von den beiden Kindern, über die sich der Professor sehr freute. „Nun, werthes Fräulein, die Kleinen machey. Ihnen wohl viel zu schaffen?" wandte sich der Professor plötzlich an Erna. „Durchaus nicht, Herr Professor", gab Erna schüchtern zur Antwort. „Sie erleichtern mir durch ihre Lernlust, wie ihre kindliche Liebe, bei weitem meine Aufgabe." „Das freut mich, Ella", sagte der Professor zu dem ältesten der Kinder; „lernt nur hübsch fleißig, dann bringt Euch auch der Onkel Professor etwas schönes mit." „Mir auch!" warf der kleine Gustav ein, mir auch was, Onkel Bvessor! „Ja ja Gustavchen", sagte der Professor, „Du bekommst auch was mitgebracht . ." und dabei küßte er dem kleinen Knaben recht herzhaft sein Purpurmündchen. Der Besuch war beendet, der Professor ging mit Or. Rosen nach der Universität. Erna lernte mit den Kleinen und war gar stolz auf die neue Bekanntschaft. Merkivürdig, der Herr- Professor erinnerte sie an eine Person, die sie einst genau gekannt hatte. Während dessen kam Herr Professor Joss gar oft zu Rosens und war dort immer ein gern gesehener Gast; auch Erna mußte sich sagen, daß sie gern einige Zeit in btr Gesellschaft des Gelehrten weilte mtb diese Zeit hatte beide schon säst ungezwungen näher gebracht. — Aber Erna sah zu ihrem eigenen Erstaunen, daß sie der Professor in letzter Zeit kühl begrüßte und sie konnte sich die Ursache garnicht erklären. Vielleicht traf ihn eine unangenehme Nachricht, und im Uebrigen, was hat der gelehrte Professor mit der armen Erzieherin zu theilen, sagte sie sich. _ (Fortsetzung folgt.) Mirjam. Erzählung von Dr. I. Gold s ch m i d t. (Fortsetzung.) Jetzt erst, nachdem ich Mirjam aus meinem Herzen verdrängen wollte, lernte ich die Kraft meiner Liebe kennen, jetzt erst erkannte ich, wie unsäglich lieb, wie theuer sie mir lvar; jetzt erst fühlte ich, wie tief, wie mit unzähligen Fasern ihr geliebtes Wesen in meinem Herzen sich eingewurzelt hatte. Nun mußte ich, erfüllt von der heißesten Liebe zu Mirjam, für meine Braut, für Therese, Liebe — heucheln. Ich hatte meine Liebe geopfert, weil ich Therese gegenüber nicht als Ehrloser dastehen wollte; nun stand ich vor mir selbst als Heuchler, als Ehrloser da. — Therese's Wesen, anstatt durch den bräutlichen Verkehr mir anziehender zu werden, erschien im Gegentheile täglich meinem Wesen fremdartiger und weniger gleichförmig. So lange zwischen ihr und mir noch Schranken waren, glaubte ich, daß ein Unterschied zwischen ihrer Denkungsart und der meinen nicht bestehe; daß unsere Weise, zu leben und zu fühlen, nur persönlich, nicht grundsätzlich verschieden sei. Jetzt, da die Schranken beseitigt waren, da ihr Herz sich mir, dem Bräutigam, völlig öffnete, da ihr ganzes Fühlen und Denken sich mir offenbarte: jetzt erst kam ich zu der Erkenntniß, daß unser Wesen iir seinen Hauptzügen ganz grundverschieden sei, daß ich — Jude und sie Nichtjüdin war. Auch ohne die Liebe zu Mirjam hätte ich für Therese, trotz ihrer hohen Reize und Bildung, nie Liebe empfinden könne; der Unterschied der jüdischen und christlichen Erziehung trat mir jetzt erst tu seiner ganzen Schärfe zu Tage, da ich durch die Bande der Liebe und Ehe mit einer Christin in ein Wesen zusammenfließen sollte: und Therese war meine Braut! Natürlich hütete ich mich, meine Braut merken zu lassen, was in mir vorging; desto entsetzlicher waren die Qualen, die meine Brust durchwühlten. Einigen Trost fand ich in — der Arbeit. Die tröstende Kraft der Arbeit lernt man erst in solchem Unglück kennen, das man mit keinem Freunde theilen kann, das man still in der eigenen Brust verwahren muß. Sonst ist der Brautstand die Zeit des Genießens, der Tändelei und des Leichtsinns; mir war er die Zeit unermüdlicher Arbeit. Andere vergessen der Arbeit im Lächeln der Braut; ich versenkte mich in die Arbeit, um — meiner Braut zu vergessen. Therese fand meinen Fleiß auffallend; sie ward mißmuthig und schmollte; ich suchte sie mit der Schmeichelei zu besänftigen: ich müsse arbeiten, um ihrer werth zu werden. — Ach, es waren für mich schreckliche Wochen; noch die Erinnerung daran zieht mir das Herz krampfthaft zusammen. W:e sollte das enden? Konnte ich mm als Bräutigam das Band lösen, ohne zehnfach als der Ehrlose dazustehen, der nicht zu sein, ich die Verlobung geschlossen hatte? Verzweiflung durchwühlte mir die Brust. Schuld und Reue, das Andenken und das Bild meiner Mirjam, die Lorbeerkränze zukünftigen Ruhins und das Grinsen des hohlen Schädels, der, unter einem hängenden, mehcläusigen Revolver auf dem Au'satze meines Arbeitspultes seinen Platz hatte — —■ solche und ähnliche Vorstellungen durchrasten mein Gemüth und drohten mich zu einem Pflegling der Anstalt zu machen, an der ich wirkte. Gegen meine Umgebung, den Professor lind m.'ine Braut, mich völlig beherrschend, reifte in mir der Entschluß, erst meine wissenschaftliche Arbeit zu Ende zu fuhren, und dann — meinem Leben ein Ende zu machen. Es kam anders — schlimmer und besser, als ich hoffen und fürchten konnte. — Der Lieberalismus und die Toleranz haben, wie Sie wissen, seit einigen Jahren in der öffentlichen Meinung Deutschlands sehr große Rückschritte gemacht. Einen Menschen oder einen Menschenkceis, lediglich seiner Confession wegen, anzugreifen und zu schmähen; öffentliche Verhöhnung der Menschenrechte seitens der gebildeten Welt; die Auferstehung des mittelalterlichen Hep-Hep-Geistes, — wurde seit vielen Jahren in Deutschland zu den unmöglichen Duigen gerechnet, ist aber im modernen „Antisemitismus" zu einer Thatsache geworden. Es scheint dies auch einer der vielen Umwege zu sein, die der Genius der Menschheit in den Schlangenmindungen auf der Bahn seiner geschichtlichen Entwickelung macht. Dieser Geist der Intoleranz und der Reaction, der schon lauge sich im Geheimen vorbereitet, begann gerade nach meiner Verlobung mit Therese aus seinem verborgenen Treiben in die Oeffentlichkeit zu treten, durch beharrliche Propaganda im Kampfe der politischen Parteien, in Wort und in der Presse, die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung und auch der höheren Stände auf sich zu lenken. Diese Bewegung des sogenannten „Antisemitismus" hat allen Inden unseres Vaterlandes vielen Gram und manche Kränkung in ihren äußeren Interessen und ihren innersten und edelsten Gefühlen gebracht; aber empörend, zur verzehrenden Gluth entflammend, mußte diese Verhöhnung der Menschenwürde für den Juden sein, der sein Judenthum aufgeopfert, in christliche Kreise sich gedrängt und daselbst sich einzuleben gesucht hatte. Der Jude, der als Jude lebt und sich giebt, darf sich zur Wehr setzen, seine Religion verrheidigen, wenn man das Judenthum angreift; der Verrät her am Judenthuine, der Eindringling, der seine jüdische Abstammung am liebsten vergessen machen möchte, muß schweigen, alles geduldig anhören, womöglich Beifall lächeln, wenn ihm die Entrüstung auch die Faust ballt; er muß sein Judenthum, dem er durch Geburt und Vaterhaus niemals entfremdet