Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 48 (1886) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
48 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492351-9579404-9574406--0748-9574407
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

M 48. Jüdisches 1880. u»ilir**f/#// Hcrnusgegcbcii von l>r. M. Rcihmcr i" Magdeburg. Zur Werhaltuug«. Kklehrung für dir isMlitischr Jugend. Dcr Juc;endfrcund. Novelle aus dem jüdiscken Leben von Lehrer Max Cohn. (Fortsetzung.) — Mirjam. Erzählung von Or. I. Cellhflft* Goldschmidt. (Fortsetzung.) — Ein jüdischer Cvmponist. — Allerlei für den Familientisch: Was ein Kaiser zum ersten Male gebärt. Ans der Zeit Friedrich Wilhelm I. Das Grab Daniels. Monumenta G-ermaniae paedagogica, — Fürchte nicht! Von Louis Schwartz. — Räthsel-Anfgaben und Räthsel-Lösungen. Der Jugendfreuttd. Novelle aus dem jüdischen Leben von Lehrer Max Cohn. 16. Kapitel. Der Tod des Vaters, die verlassene Lage bestimmte Erna nach der Residenz zu ihren Verwandten zu gehen, die sie liebevoll empfingen und sich auch bestrebten, Erna aufzuheitern und den Himmel ihrer Jugend wieder zu klären. Fast ein halbes Jahr war schon vergangen, seit Erna in der Großstadt weilte. Ihre liebliche Erscheinung zog Jedermann an und vor allem war es ihr bescheidener Sinn, durch den sie alle für sich gewann. Nur wenig Nachrichten hörte sie von ihrer Heimath, sie erfuhr nur, daß alles bereits dort in fremde Hände geralhen und das Palais Stern's, wie das feine Mobiliar zur Deckung der Schulden hergegeben werden mußte. — Aber Erna gefiel das Stillleben im Kreise ihrer Verwandten garnicht, sie sehnte sich nach Thätigkeit, um für die Menschheit, wie sie es Emanuel gegenüber geäußert hatte, zu wirken. Auch waren ihre Verwandten nicht sehr begütert, als daß Erna sie für sich sorgen lassen wollte: eine große Familie verlangt in der Großstadt gar viel. Deshalb beschloß sie, Privatunterricht zu ertheilen. Ihre Mühe war nicht vergebens; denn schon wenige Zeit darauf klopfte es an ihr Zimmer und ein ältlicher, fein gekleideter Mann trat ein. „Entschuldigen Sie, werthes Fräulein, daß ich selbst komme, aber es war ein unbestimmtes Etwas, das mich hierhertrieb." Ihr Name, der mir bekannt klang, bestimmte mich, die Erziehung meiner Kinder Ihnen anzuvertrauen. Aber ich habe vergessen, Ihnen, werthes Fräulein, meinen Namen zu nennen. Also ich heiße Emil Rosen. Ihren Namen, werthes Fräulein, habe ich durch Ihre lieben Verwandten erfahren! Darf ich Sie bitten mich Nachmittags zu besuchen, damit ich Sie meiner Frau und meinen zwei Kindern vorstellen kann? Der ältliche Herr sprach so gemüthlich, daß er auf Erna einen sehr guten Eindruck gemacht hatte, es war ihr, als ob sie ihn schon lange gekannt hätte! — Bereitwilligst versprach Erna, sich Nachmittags vorzustellen und Herr Rosen verließ Erna. Ihr Herz klopfte so gewaltig, als sie die eleganten Marmorstufen, die mit den kostbarsten Teppichen belegt waren, und zu Rasens Wohnung führten, hinaufstieg. So sah es auch einst in ihrem väterlichen Hause aus . . . doch vorbei. Sie mußte sich fassen, um nicht zu zittern und zögernd zog sie die Klingel, die Herrn Rosens Wohnung angab. Herr Rosen ließ es sich nicht nehmen, Erna selbst zu begrüßen. Freundlich führte er sie zu seiner Gattin und stellte sie auch den Kindern als Tante Erna vor. „Will Tante auch bei uns bleiben?* fragte das jüngste Kind, ein drolliger Knabe von 4 Jahren. „Jawohl", antwortete Herr Rosen, „aber ihr müßt auch immer Tante gern haben und artig gegen sie sein." Selbst die Kinder hatten Erna, denen sie Confituren mitbrachte, so gut gefallen, daß sie vor Freude um „Tante Erna" tanzten. Ja, sie weinten fast, alö Erna ging, um ihren Verwandten zu danken und nur das Versprechen, daß Taute bald wieder kommt, beruhigte die Kleinen. Auch auf Frau Rosen hatte Crua's Erscheinung einen vortheilhaften Eindruck gemacht, schon längst hatte sie eine solche Person als Erzieherin ihrer Kinder gewünscht. Sie nahm recht innigen Autheil an Ecna's Geschick und zeigte sich ihr gegenüber wie eine Mutter, so daß Erna Frau Rosen als rettenden Engel begrüßte, der ihr Balsam auf die Wunden des Herzens legte. Erna war in Rasens Haus fast wie ein Kind. Es gab kein Vergnügen, das sie nicht mit der Familie genoß; hatte doch Frau Rosen selbst gewünscht, Erna möge nur mit ihr allein verkehren. Und das war ihr, der verlassenen Erna, gewiß lieb; denn Frau Rosen war eine Frau von Geist und in allen ihren Handlungen gegen Erna erkannte diese den Adel dieser seltenen Frau. Erna widmete sich mit vollster Hingabe der Erziehung und dem Unterrichte der Kleinen und diese machten auch unter ihrer treuen Leitung die erfreulichsten Fortschritte. — So war ein Jahr dahingegangen, Erna hatte ihre Heimath in dem feinen Kreise dieser Familie fast vergessen; nur die Gräber ihrer Eltern waren es noch, nach denen sie sich so oft sehnte und diese Vorstellungen riefen andere wach, die sie mit aller Gewalt unterdrückte. 17. Kapitel. Das Trauerjahr war vorüber, und Ecna's Bekanntenkreis im Hause Rosen's wurde ein immer größerer. Alle bewunderten sie und gar mancher hätte gern nach ihr die Hand ausgestreckt. Doch sie hatte Frau Rosen schon oft gegenüber geäußert, daß es ihr ein heiliges Gelübd' fet, ni zu heirathen; sie finde ihre Glückseligkeit in der liebevollen Behandlung von seiten der Familie und in der Erziehung der Kinder. Da kam es eines Tages, daß Erna durch den Bruder des Herrn Rosen, welcher Arzt war, eine neue Bekanntschaft machte; denn als sie beim Kaffee saßen, kam Herr Rosen mit einem fremden Herrn in's Zimmer. „Ah. Herr Professor", sprachen Frau und Herr Rosen fast in einem Tone, „wie lauge haben Sie sich bei uns nicht blicken lassen?" „Sehen Sie, während Ihres Fernbleibens", fuhr Frau Rosen fort, „ist auch unsere Familie größer geworden und dabei lächelte sie ..." „Gestatten Sie, Herr Professor, daß ich Ihnen die Erzieherin unserer Kinder vorstelle". „Fräulein Stern, Herr Professor Joss." — Beide verbeugten sich und so war eine neue Person in den Bekanntenkreis eingetreten. „Nun, Herr Professor, vertheidigen Sie sich", — Frau Rosen führte noch immer das Wort — „womit Sie Ihr Fernsein entschuldigen? Man hat Sie ja fast ein Jahr nicht wiedergesehen?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.